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Freiheit, Abhängigkeit und Partnerschaft

Wenn man an sich gearbeitet hat. Eine Therapie gemacht, ein Coaching absolviert oder sein Leben überprüft hat, wird häufig eine zuvor unbekannte Eigenverantwortlichkeit spürbar. Dieses neue Gefühl der Unabhängigkeit erscheint einem als sehr wertvoll und man möchte es unter keinen Umständen mehr aufgeben. Doch die absolute Freiheit im Leben ist nur in der absoluten Ungebundenheit möglich. Sobald Bedingungen eintreten, wird sie beschränkt. Man kann sich natürlich in die Einsamkeit einer Wildnis, eines Häuschens am Meer mit dicken Rosenbüschen drum herum oder in eine Eremitei zurückziehen. Aber meistens will man ja doch in einer Gemeinschaft, der Familie, der Firma, einer Gruppe oder Gesellschaft bleiben.  So wird es also darum gehen, diese neue Freiheit, in das gemeinsame Leben zu integrieren. Eine  Integration in das Zusammenleben von Menschen ist dabei immer auch ein Eingehen von Kompromissen. Ein freiwilliges Akzeptieren von Grenzen, damit andere in der Gemeinschaft auch ihre Freiheit leben können. So entstehen dann erneut Bedingungen, die aber freiwillig und bewusst anerkannt werden. Genau hier verzichtet man dann zumindest zum Teil auf die neue Freiheit. Man begibt sich wieder in bestimmte Abhängigkeiten und akzeptiert sie, weil man darin andere wichtige Dinge findet. Freiwillig versteht sich. 

So entstehen neue oder veränderte Beziehungen, deren bewusster Aspekt die Freiwilligkeit ist. Oft ist es jedoch schwer die emotionalen Bedingungen zu erfüllen, die sich mit der Bewusstheit ergeben. Allein das Wissen um das Akzeptieren der Begrenzungen verändert die Beziehung. Doch kein Mensch ist frei von Gefühlen. Die Intensität ihrer Wahrnehmung mag schwanken, aber eine „emotionale Freiheit“ gibt es nicht. Emotionen und Gefühle gibt es immer und überall. Sie kommen und gehen und beeinflussen unsere Ansicht des Augenblicks. Sind wir nicht achtsam, fallen wir sehr rasch, erneut in das eingeübte Verhalten aus den älteren Beziehungen. Deshalb erscheinen uns Veränderungen in den Beziehungen auch so kompliziert. Logisch und rational betrachtet sind alle Beziehungen einfach. Sie reduzieren sich für den Verstand meistens auf eine Art Handel: Ich gebe dir das und ich verlange das dafür. Du verlangst das und ich geben dir das dafür. So oder ähnlich funktionieren die meisten Beziehungen, z.B. im Job, zum Chef, zu den Kollegen oder zum System: zur Verkäuferin, zum Anwalt, zur Sachbearbeiterin. Das ist völlig in Ordnung. Es muss und sollte auch nicht mehr sein. Doch schon in Bezug auf die eigenen Kinder oder zu Freunden wird es komplizierter. Die Kinder erwarten eine gewisse Konstanz im Verhältnis zur Mutter oder zum Vater. Eine Sicherheit, die ihnen ermöglicht, emotional und rational zu reifen. Oft ist es aber gerade dieser Reifungsprozess, der einem selbst zu schaffen macht. Das führt zu einem inneren Konflikt. Denn die Kinder fordern, was sie immer erhielten. Aber man selbst sieht sich nicht in der Lage, dem, unter den veränderten Umständen, noch nachzukommen. Hier hilft nur das Vertrauen in die emotionale Intelligenz der Kinder und eine völlig offene und rückhaltlose Erklärung der Situation. Natürlich ihrem Alter entsprechend. So können alle Beteiligten ihre Positionen neu definieren. Die Beziehungen zu den eigenen Kindern werden dadurch niemals schlechter und man zeigt ihnen so, was es heißt ein Mensch zu sein.

Von Freunden erwartet man Verständnis, Einfühlungsvermögen, Beistand und Hilfe. Manchmal auch einen Schlag vor den Kopf, wenn man seinen Standpunkt verloren hat. Freunde sind also Referenzpersonen, die einem mit Rat und Tat im Leben zur Seite stehen. Sie erwarten aber auch das Gleiche zu bekommen, wenn es für sie an der Zeit ist. In Freundschaften geht es nicht immer rosarot und lieblich zu. Da können auch schon mal die Fetzen fliegen, doch das führt nicht zwangsläufig zum Bruch der Freundschaft. Das ist das Besondere an ihr: Ein Freund oder Freundin „darf“ einem Schmerz zufügen. Die Grundlage dafür ist Vertrauen. Dieses Vertrauen zum Freund, zur Freundin, sorgt dafür, dass die freundschaftliche Beziehung mehr „aushält“ und nicht sofort beendet wird, wenn es einmal kracht. Eine Auseinandersetzung ist weder angenehm noch schön, aber Freunde und Freundinnen sind dazu da, Positionen zu klären und verschobene Ansichten wieder gerade zu rücken. Es gibt sie, damit wir unsere „Freu(n)de“ teilen können. 

Noch komplizierter wird es schließlich bei Liebesbeziehungen. Meistens ist es die Beziehung zum Partner. Im Grunde ist eine Liebesbeziehung eine erweiterte Freundschaft. Sie ist nicht sofort da gewesen, sondern hat sich vielleicht über Jahre entwickelt. Man ging zusammen durch die Höhen und Tiefen eines gemeinsamen Lebens und dadurch ist ein allem zugrunde liegendes Vertrauen entstanden. Ein großer Teil der neuen Freiheiten, die man nun für sich beanspruchen möchte, bricht möglicherweise mit diesen alten Erfahrungen. Es erscheint einem unmöglich, den Partner damit zu konfrontieren, weil man der Meinung ist, das würde der Andere nicht akzeptieren können. Doch eine Liebesbeziehung ist ohne freundschaftliches Vertrauen nicht möglich. In ihr kamen nur noch Dimensionen der Intimität hinzu. Intimität ist dabei nicht nur auf Sexualität beschränkt. Es ist die Öffnung der eigenen Person gegenüber dem Partner. Dadurch kann er tief in die Seele und das Herz blicken, die sich hinter der Person verbergen.  Das geht weit über das Vertrauen einer Freundschaft hinaus. Wird diese Schutzlosigkeit durch Spannungen oder gar Verletzungen berührt, tut das beiden unendlich weh. Die Akzeptanz dieser Möglichkeit des Schmerzes macht aber die „Liebespartnerschaft“ aus. Beide wissen darum, beide achten sie und niemals würden sie es ausnutzen. Warum sollte also eine neue Freiheit, die man sich geben möchte, vom liebenden Partner nicht angenommen werden? Die Erwartung an den Liebespartner ist ein unbegrenztes, liebevolles Verständnis für alles, was einem im Leben zustößt. Egal ob man es als selbst verursacht, oder als eine andere Wirkung sieht. Der Liebespartner ist derjenige, der mit einem stirbt, wenn es so weit ist und der mit einem jubelt, wenn das an der Reihe ist. Ohne Rücksicht darauf ob das vernünftig oder den Umständen angemessen ist. Warum also sollte er/sie ausgerechnet jetzt Unverständnis zeigen?

Der Liebespartner spielt aber auch die Rolle eines Freundes oder der Freundin. Er „dient“ somit auch als Referenzperson und hat alle Rechte der Freundschaft. Er wird und darf auf die von ihm gespiegelten Resonanzen reagieren. Je nachdem wie klar er selbst ist, wird das zu einer Veränderung der Beziehung führen. Ist die Liebe noch intakt, also spür- und sichtbar, werden die neuen Wünsche eine Erweiterung und Vertiefung der Beziehung verursachen.  Ist sie es nicht, wird sich die Situation gemäß dem Resonanzgesetz klären. Kompromisse sind in diesem Fall nicht auf Dauer zu halten. In einer tragfähigen Liebe, kann sich jeder Liebespartner frei entfalten. Niemals wird ein Partner versuchen den anderen an seiner Entwicklung zu hindern. Er wird vielleicht feststellen, dass er nicht über genug „Selbstaufgabe“ verfügt, um den Weg des Anderen mitzugehen. Er wird jedoch niemals versuchen, den Partner wegen seiner eigenen Grenzen, von dessen Weg abzubringen. Selbst dann nicht, wenn sie sich deswegen trennen müssten. Das Gesetz der Resonanz ist hier ganz klar und unerbittlich: Verlischt die Resonanz, die eine Beziehung zur Liebesbeziehung machte, weil einer der Partner seine Freiheit leben will, ohne dabei die Begrenzungen des anderen Partners zu achten, bricht die Liebesresonanz ab. Das Vertrauen bricht. Die Wege müssen sich trennen.

In einer Liebesbeziehung tanzen immer beide zusammen den Tanz des Lebens, oder das „Zusammen“ endet. Vielleicht endet es in einer lebenslangen Freundschaft, vielleicht aber auch nicht. Können die beiden Liebespartner also keine tiefgreifende  Selbstaufgabe zugunsten des Anderen zu praktizieren, erleben sie eine „enttäuschte“ Liebe, die sich kaum erneut entfachen lässt. Die Freundschaft zerbricht mit dem sich auflösenden Vertrauen. Ein Prozess, der sich manchmal viele Jahre hinziehen kann. Eine Liebesbeziehung wirklich zu leben, ist daher die Oberklasse in der Schule des Lebens. Wegen unserer menschlichen Erfahrungen und Überzeugungen ist es eine schwierige Aufgabe - und genau darum geht es: die Aufgabe des Eigensinns. Das Loslassen vom egozentrischen Schauen auf sich selbst und das Beobachten der Wirkungen, die das eigene Verhalten auf den Partner und die wahrgenommene Realität hat. Weil diese Aufgabe so schwierig ist, misslingt sie oft. Freundschaften halten oft sehr viel länger. Es scheint sogar so, dass das Einlassen der „Liebe“ in eine Beziehung, die ganze Sache schwieriger macht. Eine rudimentäre Freundschaft zu leben, ist meist einfacher. Sie kann mit einem Schuss Sexualität angereichert werden, aber die intimen Sachen lassen wir dann schön beiseite. Es soll ja niemand wissen, welcher Müll da sonst noch in uns kocht. Schon gar nicht der Partner, dem man nur noch die „Sugarbaby“ Seite präsentiert. Und wenn es denn gar nicht mehr zu vertuschen ist, oder die Kraft zur Aufrechterhaltung der Rolle verbraucht ist, trennen wir uns eben wieder. Jeder geht seiner Wege, als ob nichts außer einer Erinnerung geschehen wäre. Man sucht einfach nach einem neuen idealen Liebespartner.
Ein um das nächste Mal, immer wieder, meist mit dem gleichen Ergebnis.

Solange ein Mensch in seinem selbstgestrickten Ego festsitzt, solange hat er keine Chance, die Liebe in seinen Beziehungen zu halten. Liebe erfordert die tatsächliche und gelebte Aufgabe jeglicher Selbstzentrierung. Es ist das Opfer für den Anderen: sich selbst hinzugeben. Dann gibt es auch keine Abhängigkeit mehr, denn der Andere wird zum „ICH“. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das wiederum bedeutet jedoch nicht, dass man von ihm abhängig wird. Wenn diese „Selbstaufgabe“ gelingt, wird sich ihre Qualität im Anderen spiegeln und er/sie wird das Gleiche tun. Ohne Angst, ohne Sorgen und mit einer selbstverständlichen Sicherheit. Jeder Partner wird ohne Weiteres sein Leben hinter das des anderen Partners stellen. Das ist ganz normal. Es bedarf keiner Diskussion, keiner Absprache, keines Handels. So verschwindet jede Abhängigkeit, denn nur ein Ego, ein Tamagotchi, kann sich als „abhängig“ empfinden. Bereit zu sein, sich für einen anderen Menschen hinzugeben, ist die Voraussetzung zur Hingabe an die spirituelle Liebe. Die Hingabe an den Fluss der universalen, überpersönlichen Liebe löscht alle Ängste aus. 

Das ist sicher keine alltägliche Sicht auf die Freiheit des Lebens und es soll auch nur das Prinzip des Möglichen aufzeigen. Das tägliche Leben könnte jedoch als eine allmähliche Annäherung an dieses Ideal gestaltet werden, damit es letztendlich ein gutes, schönes und wahres spirituelles Leben darstellt.

alles liebe

Joan