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Die Wahl der Worte

Die Wahl der Worte

 

Emotionen bewegen uns - Emotionen bedeuten Leben

 

Worte erzeugen bei Hörern und Lesern zunächst einmal Gefühle der Zustimmung oder Ablehnung. Als Schreiberling bin ich natürlich immer bemüht, ihre Zustimmung zu erhaschen, was mir allerdings bei manchen Themen heutzutage ganz unmöglich erscheint. Der Sprecher oder Schreiber ist dazu da, seinen Gedanken eine mentale Form zu geben, die, als normiertes Symbol in Form des geschriebenen oder gesprochenen Wortes, transportiert werden kann. Die grafischen Symbole oder akustischen Signale lassen dann im Empfänger eine, im besten Fall gleiche, hoffentlich aber ähnliche Form, entstehen, die der Empfänger in seine Gedankenbilder übertragen kann. Das ist grob gesagt, die Grundstruktur der sprachlichen Kommunikation. Die menschliche Kommunikation geht aber über eine faktische Informationsübertragung hinaus, denn je nach gewählten Worten und Sätzen, werden im Empfänger Gefühle ausgelöst.

Das gehörte oder gelesene Wort bringt die im Hörer oder Leser vorhandenen, tief unbewussten Strukturen seiner Lebenserfahrung, seiner Ansichten und Wertschätzungen, in Resonanz und löst so Widerspruch oder Zustimmung, Angst oder Freude aus. So kann das empfangende Bewusstsein darüber in Erfolg und Glück, aber auch in Leid und Tränen geraten.

Je mehr Emotionen in einem Menschen erscheinen, desto weniger klar kann er jedoch rational denken. Je stärker Emotionen wirken, desto umnebelter wird der Verstand und desto einfacher wird es, mittels Worten, den Empfänger zu manipulieren. Die NLP Technik, das "Neuro-Linguistische-Programmieren" ist ein gutes Beispiel dafür, aber auch subliminale Suggestionstechniken, Werbeslogans oder die Rhetorik von Propaganda-Reden und Medien-Nachrichten können hier als Beispiel dienen.   

Die Fähigkeit mit Worten umzugehen ist nicht angeboren. Sie muss erlernt werden. Und gerade hier ist in den letzten Jahrhunderten der Sprachentwicklung eine Verödung eingetreten, die ihre Entsprechung in der technokratischen Entwicklung unserer Welt findet. Man könnte es unter das Motto stellen: Wenn es denn schon so problematisch ist mit menschlichen Emotionen umzugehen, dann lasst uns doch die emotionale Ausdrucksweise in der Sprache ächten und die Wortwahl auf die verifizierbaren Daten und Fakten reduzieren. Alles darüber hinaus ist unschicklich oder bestenfalls Poesie.   

So konnte eine sich immer schneller verändernde Welt entstehen, in der keine Zeit mehr für das emotional Ziselierte der menschlichen Sprache blieb. Wichtige Bezugspunkte für den Zusammenhalt von Menschen wurden so aufgelöst und sind zu unverbindlichen Deals verkommen. Wie sollte es auch möglich sein Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen, wenn keine emotionale Komponente, keine symbolisierten Gefühle transportiert werden und sich alles nur noch auf einem rational-technischen Handelsniveau abspielt. Niemand Geringerer als Albert Einstein sagte bereits:

Wir sollten uns davor hüten, den Intellekt zu unserem Gott zu machen; gewiss, er hat starke Muskeln, jedoch keine Persönlichkeit. Er darf nicht herrschen; nur dienen.“ 

Doch wir haben den Ratio heillos überwertet und genau das Gegenteil vom getan, was Einstein empfahl. So stecken wir nun in dem Unheil, dass wir die Sprache und unsere Umgangsformen der Emotionalität entkleidet haben und so unser gesellschaftliches System der Menschlichkeit beraubt haben. Diese unglaubliche, fast unbemerkt voranschreitende Rationalisierung macht sich überall breit. Sie verbannt jede emotionale Stellungnahme in den öffentlichen Medien wie TV, Zeitungen, Facebook, Google News etc. in die Ecke der Seifenopern, denen jede Ernsthaftig- und Glaubwürdigkeit abgesprochen wird. Nur, was sich mit dem Verstand logisch erklären lässt, hat bei uns noch einen hohen Stellenwert. Alles andere nicht. Es ist heute sogar verpönt, in Reden, Vorträgen und Diskussionen, emotionale Reaktionen zu zeigen, auch wenn das trotz aller Bemühungen, vielen Menschen nur schwer gelingt.

 

Vorteile, Nachteile, Bewertungs-Listen, Begründungen, Statistiken, Zahlen, Bewertungen, Erfahrungswerte oder rationale Forschungsergebnisse schwirren nur so herum und spiegeln sich überall in unserer Welt. Mathematisch, naturwissenschaftliche Berufe haben eine höhere Akzeptanz als geisteswissenschaftliche, kreative oder soziale und bessere Karriere-Aussichten. Kaum ein Buchautor wird heute noch behaupten, dass er vom Schreiben seiner Romane, Gedichte oder anderer Schriftstellerei noch seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Von einigen wenigen Ausnahmen einmal abgesehen. Das Lesen von Geschichten und damit das sich Einlassen auf die Gedankenbilder der Phantasie ist aus der Mode gekommen. Es wurde ersetzt durch SMS, Email und diverse Chats, denen man den Mangel an Emotionalität durch die Einführung von Emoticons verordnen will. Nur sind eben die kleinen gelben Kuller mit den grinsenden Gesichtern und die Herzchen, Küsschen und Blumen keine Emotionen, sondern einfach nur digitale Symbole. Wann hast du deinen letzten handgeschriebenen Brief geschrieben? Wo sind deine Gefühle hin, die dich beim Schreiben durchströmen und die Wahl deiner Worte beeinflussen? Verloren im Geklicke der Computertastatur. Die ganze digitale Kommunikation, die unsere Welt verändert hat, ist ein technokratisches Produkt des Verstandes, darauf ausgerichtet, die emotionale Entflammbarkeit der Menschen zu unterdrücken.  

 

Wer sieht schon in der Klimaveränderung einen Fingerzeig von Mutter Erde, die uns so demonstriert, wie wir für sie sorgen sollen. Sie zeigt uns, was passiert, wenn wir unsere Liebe zu ihr und untereinander, im Eifer der Entwicklung vergessen. Sie bremst die Technokraten abrupt aus und bringt sie an den Rand ihres Verstandes, unfähig auch nur ansatzweise zu verstehen, was sie da angerichtet haben. Gott sei Dank ist CO2 ja nicht toxisch und Methan ebenfalls atembar. Wir müssen also keine Angst haben, dass uns Mutter Erde ersticken will, auch wenn es noch so warm wird. Sie wird den Gierhälsen der Finanzwelt und den Dampfplauderern der Politik einfach den Hosenboden so stramm ziehen, dass sie sich danach für Jahrhunderte nicht mehr aus ihren Höhlen wagen. Wer immer nur nimmt und nichts mehr zurückgibt; wer produziert und sich nicht um den dabei anfallenden Müll und die Auswirkungen auf unseren Planeten kümmert, der wird am Ende alles verlieren, was er je hatte. Die Erde wird es schon richten, das Fairness und Mitgefühl wieder die Grundzüge der globalen menschlichen Gesellschaft bilden. 

 

Doch bevor meine Worte wieder emotional unschicklich werden, erinnern wir uns doch einmal an die Tatsache, dass unser "emotionales Gehirn" den Körper steuert und für unser psychisches Wohlbefinden zuständig ist. Es ist um einige Jahrtausende älter und tiefer in uns verborgen, als der von uns so hoch bewertete Neo-Cortex, ohne den Sprache, Denken und Verstand ganz allgemein, gar nicht möglich wäre. Der Neo-Cortex ist unsere jüngste Errungenschaft und hat das limbische System überwuchert. Mit ihm hat auch der rationale Verstand seine Vorherrschaft errungen und ganz in seinem Sinne das Mittelhirn entmachtet. Das Rationale ist darauf aus, alle emotionalen Regungen aus seinem Denken zu verbannen. Die beiden Gehirne, Mittelhirn und Großhirn funktionieren jedoch unabhängig voneinander. Während das limbische System Herzfunktion, Blutdruck, Hormone und Immunsystem steuert, kann der Cortex lustig drauflos denken und sich mit abstrakten Themen beschäftigen. Das ist sehr gut organisiert, denn sonst würde der Cortex vor lauter wichtiger Denkarbeit, vielleicht vergessen zu atmen. Doch kortikalen Errungenschaften wie Sprache, Wahrnehmung und Logik bzw. rationale Intelligenz, haben nur einen sehr eng umgrenzten Einfluss auf das fühlende Mittelhirn. 

Der Ratio kann einem Gefühl nichts befehlen. Er kann es weder verstärken noch zum Verschwinden bringen. Was er immer wieder mal in der gleichen Art versucht, wie man sich dazu anhalten kann, zu sprechen, zu denken oder still zu sein. Doch diese neo-kortikalen Anwandlungen werden regelmäßig mit einer ermüdenden Wirkungslosigkeit beantwortet. Kein Denken und keine Logik hat jemals einen emotionalen Schmerz geheilt oder ein Gefühl verscheucht. Ganz im Gegenteil. Das limbische System, unser emotionales Gehirn, hat den größten Einfluss auf uns, ob uns das nun gefällt oder nicht. Damit hat es auch weitgehend das Geschehen im Neo-Cortex unter Kontrolle und bestimmt von innen heraus unser Handeln und Sein in der Welt. Dieses Kräfteverhältnis müssen wir in unsere Betrachtungen mit einbeziehen, denn der IQ, der rationale Intelligenzquotient, bestimmt nur  ungefähr ein Fünftel dessen, was uns zu unseren Zielen führt. Den Rest haben die an allen Ecken und Enden wirkenden Emotionen, mit dem von ihnen gesteuerten Hormonsystem, sicher im Griff.   

 

Die Geschwister IQ und EQ

Ob also jemand ein glückliches und erfolgreiches Leben führt und sich dadurch erfüllt und sinnvoll fühlt, hängt von seiner emotionalen Intelligenz ab, vom EQ. Der EQ bestimmt, wie wir mit Emotionen umgehen und das Gleichgewicht zwischen Gefühl und Verstand halten. Die emotionale Intelligenz bestimmt, wie ich meine Kommunikation gestalte. Sowohl mit mir selbst, als auch mit anderen. Meine emotionalen Fähigkeiten bestimmen, wie sich Vertrauen und Wertschätzung bilden und ob und wie ich von anderen wahrgenommen werde. Die gute Nachricht ist: Weder der IQ noch der EQ ist angeboren, sondern sie werden beide durch Training und Erfahrung im Laufe des Lebens erlernt. Ganz so wie bei einer künstlichen Intelligenz, die letztendlich nur ein vereinfachter Abklatsch unseres eigenen Verstandes ist. Während es bei einer KI jedoch völlig sinnlos ist, sie einem EQ Training zu unterziehen, können wir Menschen unsere emotionalen Fähigkeiten, unseren EQ, über unser emotionales Gehirn trainieren und so eine Veränderung der erlernten Ratio-Lastigkeit herbeiführen. Wir können wieder lernen auf unser "Herz" zu hören und seine Impulse in unserem Handeln umsetzen.

 

Warum das richtige Training deiner Empathie so wichtig ist? 

Nun, es führt zum Gleichgewicht zwischen "Herz und Verstand". Es führt dazu, dass du jederzeit richtig mit dir selbst und anderen umgehen kannst. Es verbessert deine kommunikative Kompetenz und schafft damit eine fruchtbare Basis für ein harmonisches und erfolgreiches Leben. Lass dich also wieder von den Einwirkungen deines Lebens berühren und rationalisiere sie nicht weg. Es gibt nichts sinnloses in der Welt, auch wenn dein rationaler Verstand das nicht versteht. Erlaube dir wieder vom Erlebten, Gehörten oder Gesehenem betroffen zu sein und drücke deine Betroffenheit im positiven wie auch negativen Sinne offen aus. Sei authentisch und verlange das auch von anderen: Von Wirtschaftsmagnaten, Politikern und Beamten, von Arbeitgebern und Mitarbeitern. Wage es ein Vorbild zu sein, das anderen den Weg weist.

 

Vertiefe deine Menschenkenntnis und ernte mehr Harmonie und Erfolg in deinem Leben.

 

Es ist schon verblüffend mit welch absurd technokratischen Vokabular in vielen psychologischen Abhandlungen herumgeworfen wird. Gerade im Bereich der Seele und des Geistes haben technologische und mechanistische Ausdrücke nichts verloren. Die Verwendung eines rein rationalen Vokabulars, wie zB. Wertschätzung, Analyse, Werkzeuge, Investition, Optimierung, Zielerreichung oder Prozessschritte, führen den gesamten Vorgang in die Irre. Im höchsten Maße wissenschaftlich korrekt, sind sie im Sinne einer Heilung des Menschen kontraproduktiv. Das kann nicht oft genug thematisiert werden. Doch das homöo-statische Selbsterhaltungssystem der existierenden Gesellschaft ist darauf bedacht, den Fokus auf der rationalen Denkweise zu behalten. Das gelingt am Einfachsten, wenn die Sprache immer stärker von einer logisch-rationale Wortwahl geprägt wird, die den eingeschlagenen Weg weiter vertieft.  Mit einer auf das rational Wesentliche reduzierten Sprache, kann das zwischenmenschliche Miteinander nicht verbessert werden. Im Gegenteil, es wird zu mehr Abgrenzung und Kälte führen. Indem die irrationale Komponente der Sprache unterdrückt wird, kommt es zu einer tiefgreifenden Vereinzelung des Menschen, in der er keine Möglichkeit mehr hat, das menschlich Verbindende wiederzufinden. Als evolutionär an Gemeinschaft gebundenes Wesen vereinsamt er und erfährt eine krankmachende seelische Dunkelheit ohne Lichtblicke und Ausweg. Hilfe und Heilung ist nur zu erwarten, wenn die irrationale Emotionalität wieder den Stellenwert in der menschlichen Gesellschaft erhält, der ihr zusteht. Bis dahin wird sich alles mehr und mehr ins rational Unmenschliche wandeln, denn das rein Rationale, das Klare und Lichte ist das Schwert, mit dem sich die Menschheit selbst richtet. Selbst Arthur, jener königliche Begründer der Tafelrunde, Beschützer des heiligen Grals, hat am Ende das Schwert "Excalibur" wieder der Göttin vom See zurückgegeben, nachdem er einsehen musste, dass es nur die Liebe vermag, Reiche zu vereinen und zum Erfolg zu führen. Nun ist Liebe jedoch keine Errungenschaft des Ratio, wie jeder weiß.

 

Definitionen schaffen Realitäten.

Als vor einiger Zeit in Berlin ganze Stadtteile saniert wurden, sprachen die verantwortlichen Stadtpolitiker von Modernisierung und Aufwertung, vom Schaffen neuen Wohnraums und einer neuen Lebensqualität im ehemaligen Osten. So wurden also die ehemaligen DDR Plattenbauten abgerissen und neue Häuser nach westdeutschem Standard geschaffen. Welch hervorragende Errungenschaften des Positiven. Doch was geschah mit den ehemaligen Anwohnern? Sie mussten ihren Platz räumen, denn sie konnten die neuen Sanierungsaufschläge für ihre Mieten nicht mehr bezahlen. Die kleinen Friseure und Tante Emma Läden, wo man noch schnell einen Käse, Brot und Butter holen konnte, auch wenn es schon spät abends war, mussten schließen. Die kleinen Handwerksbetriebe zogen weg und viele verloren ihren Teilzeitjob, mussten anfangen zu pendeln oder ebenfalls wegziehen. Natürlich, war das den Stadtpolitikern bewusst, aber in ihrer Sprache, mit der sie ihre Projekte damals und heute noch anpreisen, kamen solche Themen nicht zutage. Ihre ökonomisch orientierte Grundhaltung äußert sich in ihrer Sprache und so klappern sie mit ihren knöchernen Gebissen die Fakten und Finanzen herunter, unfähig das Weiche der Lippen zu spüren, unfähig das Menschliche in ihren Projekten zu berücksichtigen, weil es eben "unschicklich" ist. 

 

Sprache formt die Wahrnehmung und umgekehrt. Die Ausbildung von Bankern, Betriebswirten oder Ärzten bringen nicht deren menschliche Seiten zur Blüte. Im Gegenteil, in unseren universitären Studiengängen wird man dazu angehalten, streng wissenschaftlich zu schreiben und zu sprechen. Das ist im Grunde gut, denn Sachverhalte sind eben Sachverhalte, aber das Schreiben und Sprechen wirkt auf den Schreiber und Sprecher zurück und so verarmen sie sich selbst. Ganze Generationen von intelligenten, rational verbogenen Sprachzombis werden jedes Jahr aus den wissenschaftlichen Fakultäten herausgequetscht. Menschen, die erst wieder lernen müssen, was Ihnen durch die Ausbildung abhanden gekommen ist: Menschlichkeit und die Fähigkeit zu emotionalem Handeln. Das geschliffene Schwert ihres Verstandes wendet sich nicht nur nach außen, sondern zerfetzt auch ihr Inneres. Es wendet sich gegen sie selbst und in seinem Wirken vergiftet es, durch die, auf das Logisch-Rationale reduzierte Sprache, ihre Umwelt. 

 

Beobachtungen an verschiedenen deutschen Universitäten haben gezeigt, dass Ehrlichkeit, Loyalität sowie Hilfs- und Verantwortungsbereitschaft bei Studienanfängern als wertvolle Eigenschaften gewertet wurde. Nach nur drei Jahren, bezeichneten Wirtschaftsstudenten Gier und eigenen Erfolg als etwas Gutes, Nützliches und durchaus Moralisches. Empathische Qualitäten waren plötzlich nicht mehr wichtig und sie tendierten mit der Zeit zu einer immer größeren egozentrischen Haltung. Menschen, die sich in einem weitgehend homogenen Umfeld aufhalten, neigen tendenziell dazu die Ansichten des Umfelds unreflektiert zu übernehmen. Wird ihnen also subkutan beigebracht, dass Egoismus rational und nicht grundsätzlich verwerflich ist, während altruistisch zu denken oder emotionale Argumente unwichtig sind. So werden sie unmerklich aber sicher, letzteres ablehnen und ersteres verteidigen. Nach diesen Untersuchungen erscheint es so, dass die fast ausschließliche Beschäftigung mit technischen oder ökonomischen Studien und Theorien dazu führt, weniger Mitgefühl für andere Menschen zu entwickeln. Ein Trend, den man heute bereits in privaten Postings der sozialen Netzwerke eindeutig erkennen kann.  

Die Technokratisierung der Alltagssprache ist in den letzten 60 Jahren in Deutschland und ganz Europa vorangeschritten. Wirtschafts- und Politik-Verantwortliche sind emotional sprachlich ausgehungert und von ihrer Menschlichkeit ist nicht mehr viel zu merken. Eine Abkehr vom eingeschlagenen Weg ist ihnen nur durch hohe private Opfer möglich und zieht die Ächtung durch das verbliebene Machtsystem nach sich. Da wird man lieber krank und zieht sich aus diesem Grund aus den Ämtern zurück. So geschehen bei Gregor Gysi, Sahra Wagenknecht, Kurt Beck, Erwin Sellering, Peter Tauber ua. 

Doch es ist nicht nur die intelligente Elite betroffen. Zu ganz ähnlichen Beobachtungen und Schlussfolgerungen kommen Wissenschaftler bei der Untersuchung der Verwendung von Mobiltelefonen, Video-Streaming und Nachrichten-Services durch breite Bevölkerungsschichten.

Um es auf den Punkt zu bringen: Das normale Vokabular der Sprache zeigt wesentlich mehr Empathie, als die scheinbar rationale Sprache der Wissenschaft. Das hat einen wesentlichen Einfluss auf die, sich in der menschlichen Gesellschaft, entwickelnden Werte. Viele Menschen haben Angst davor, dass sich diese Werte wandeln und wissen, dass sich diese Wandlung durch Änderungen in der Sprache ankündigt. Deswegen ziehen sie sich umso mehr auf die rational-logische Sprache und das damit einhergehende Verhalten zurück. Sie merken dabei nicht, dass es genau diese Sprache ist, die sie in die Bredouille gebracht hat. Anstatt der Einsicht, wieder mehr EQ, mehr Emotionen in ihre Ansichten fließen zu lassen, verhärtet sich ihr Standpunkt und krallt sich an den Fakten fest. Aus- und Abgrenzung zu allen menschlichen Problemen sind die Folge. Nur "Zahl und Maß" gilt noch als Argument und wird in der öffentlichen Diskussion zugelassen. So drehen sich die Diskussionen um diese, wahrscheinlich bereits von allen Menschen verstandenen Fakten, die sich auch bei der hundert-tausendsten Wiederholung nicht ändern, ohne wirkliche Handlungsimpulse auszulösen. Warum? Weil sich die emotionale Kompetenz der Fakten Duellanten gegen Null bewegt und ihre Beschwörungen trotz aller Richtigkeit keinen Menschen mehr vom Stuhl aufspringen lässt und ins Handeln treibt. Nun, es ist für Technokraten auch zu gefährlich, die Massen gegen sich aufzubringen, denn die werden in ihrer Dummheit ja noch für die nächste Wahl gebraucht.

 

Warum nur, konnten die Demagogen der vergangenen Zeitalter die Menschenmassen so begeistern? Was konnten sie, was den heutigen Technokraten fehlt? Die Antwort ist einfach: Sie waren hochgradig emotional. Sie transportierten Gefühle und schleuderten sie wie Zündfunken in die Massen, bis das Feuer übersprang. Das war sicherlich nicht immer durch die besten Absichten geführt, aber nur eine gute und mitreißende emotionale Wortwahl kann das leisten.

 

Stimmungen, unbestimmte Empfindungen und Gefühle machen glücklich. Man wird sich wohl befinden, wenn man keinen besonderen Trieb, keine bestimmte Gedanken- und Empfindungsreihe in sich bemerkt.

Novalis (1772 - 1801)

 

Das wird den Technokraten und Sprachzombis der heutigen Zeit nicht gefallen und sie werden wahrscheinlich alles tun, um zu verhindern, dass die Emotionalität wieder in der Alltagssprache Einzug hält. Unausdenkbar, was geschehen könnte, wenn die Menschen tatsächlich verstehen würden, was aus Politik und Wirtschaft verlautbart wird. Niemand könnte sich mehr hinter verschachtelten Sätzen und verdrehten Wortungeheuern verstecken, denn die Sprache des Volkes ist direkt, offen und EMOTIONAL!

 

Die Verödung der Sprache ist nicht einmal auf ein Versagen des Bildungssystems zurückzuführen. Es ist vielmehr der Common-Sense, die allgemeine Meinung, einer Gesellschaft, deren Großhirn die Vorherrschaft über das Mittelhirn errungen hat und die Tatsache ignoriert, dass das Mittelhirn den Menschen mitsamt des Neo-Cortex am Leben hält. Das Problem, falls es denn überhaupt eines ist, da ja jede Gesellschaft, so wie jedes Individuum das Recht und die Freiheit hat, sich in jede gewünschte Richtung zu entwickeln, lässt sich also nicht einfach dadurch beheben, dass man sich in den Schulen vermehrt mit Themen wie Fairness, Altruismus und Kooperation beschäftigt. Sondern in der Gesellschaft müssen die Menschen wieder lernen, dass nicht nur "Maß und Zahl" die Wirklichkeit bestimmt, sondern auch Unbestimmtes, Geglaubtes und Emotionales. Und genau diese irrationalen Komponenten müssen wieder in Rede und Wort einfließen, was allerdings auch bedeutet, das Sprecher und Schreiber viel mehr von sich preisgeben müssen. Es ist dann nicht mehr möglich, sich hinter raffinierter Rhetorik und geschliffenen Formulierungen zu verstecken. Dann wird ein Versprechen wieder zu einem Eid, etwas, das nicht beliebig gebrochen werden darf.

 

Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.

(Antoine de Saint-Exupéry)

 

Die Unverbindlichkeit der Ausdrucksweise weicht in dem Maße, wie sich Selbsterkenntnis und Altruismus ausbreiten. Die mechanistische Sprache, also das Faktendenken des Neo-Cortex muss wieder in den, ihm angemessenen Kontext verwiesen werden. Eine rein rational orientierte Sprache führt im Dialog zwischen Menschen zum Empfinden von Kälte und Abgrenzung und hat allenfalls die Chance eine rationale Übereinstimmung zu erreichen, aber keine Überzeugung oder Motivation. Um jemanden wirklich zu überzeugen, müssen Herz und Verstand - Cortex und Limbisches System - in Resonanz gehen und das wird nur durch den Transport der Normen und Werte, sowie der Emotionen und Motivationen des Sprechers/Schreibers ermöglicht.

Nur durch die Verwendung eines humanen Wortschatzes fühlen sich Menschen angesprochen und können an ein gemeinsames Ziel gebunden werden. Die technokratische Sprache vermittelt nur die Unnahbarkeit des Ratio, dessen Verbindlichkeit durch die allzeit mögliche Veränderung der Fakten, auf tönernden Füßen steht. Ein ideales logisches Mittel, um über unendliche Argumentationsketten, eine emotionale Sprachlosigkeit und Starre zu erzeugen.   

 

Der tolle Mensch  von Friedrich Nietzsche   

 

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, 

der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, 

auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "Ich suche Gott! Ich suche Gott!"

Da dort gerade viele von denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, 

so erregte er ein großes Gelächter.

Ist er denn verloren gegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere.

Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? - so schrien und lachten sie durcheinander.

 

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken.

 

"Wohin ist Gott?" rief er, "ich will es euch sagen!

Wir haben ihn getötet - ihr und ich! 

Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht? 

Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? 

Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen?

Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun?

 

Wohin bewegen wir uns?

Fort von allen Sonnen?

Stürzen wir nicht fortwährend? 

Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?

Gibt es noch ein Oben und ein Unten?

Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? 

Haucht uns nicht der leere Raum an?

Ist es nicht kälter geworden?

Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?

 

Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden?

Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben?

Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? - auch Götter verwesen!

Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!

Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?

 

Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet - wer wischt dies Blut von uns ab? 

Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? 

Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen?

Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns?

Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? 

 

alles liebe

Hans