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Der Schuh oder das Meer vergisst nicht

Der Schuh oder das Meer vergisst nicht

 

Die meisten von uns kennen das Meer, den Strand und die Sonne als angenehme Urlaubserinnerung. Eine Erfahrung, an die man sich gerne erinnert und die mit allerlei anderen schönen und positiven Dingen, Situation und Menschen in Verbindung gebracht wird. Sie lässt Urlaubsgefühle wieder aufleben und liefert die Motivation, den alltäglichen Stress zu meistern. Bis zum nächsten Urlaub, der als große Freiheit am zukünftigen Horizont baumelt.

 

Doch es gibt auch eine andere Zeit am Meer. Eine Zeit, die rau, grob und abweisend ist. In dieser Zeit toben die Winterstürme und verändern mit ihrer Wucht die Charaktere der Strände. Dort wo einst Sand und Dünen im Überfluss die Menschen zu Sonnenbad und Spiel verführten, ragen heute schroffe, kantige Klippen aus dem Boden. Dazwischen klemmen verkantetes Treibholz, geborstene Kanister, gerissene Fischernetze und all das andere, was wir Menschen so ins Meer geworfen haben. Die Plastikflaschen, Tüten und Gerätschaften unserer Plastikzivilisation sind dabei in dem ganzen Müll, trotz ihrer Überzahl,  nur das kleinste Übel.

 

Wenn ich heute an den sonst so aufgeräumten und sauberen Stränden der südwestlichen Peloponnes entlang wandere, dann befallen mich ganz andere Gedanken. Gedanken, die vor einigen Jahren noch nicht da waren. Es sind Assoziationen mit Gegenständen, die im Hintergrund meines Geistes Informationen miteinander in Verbindung bringen, neue Synchronizitäten. Leider sind viele davon ernst, traurig und alles andere als von lichter Freiheit durchdrungen.  Nehmen wir als Beispiel den Schuh, der mir heute beim morgendlichen Spaziergang vor die Kamera kam. Natürlich gibt es hunderttausende Schuhe, die jedes Jahr an den Stränden der Welt angespült werden, doch dieser eine Schuhe traf wohl einen Nerv in mir und löste eine Gedanken-Lawine aus.

 

Es ist heute doch an der Tagesordnung, dass es Meldungen über Menschen gibt, die auf der Suche nach einem besseren Leben über Land und Meer reisen. Einige von ihnen versuchten ihr Leben zu retten und dem Krieg zu entkommen, der in ihrer Heimat entbrannt war. Oder sie hatten jede Hoffnung verloren, dass sie in ihrer Heimat jemals ein menschenwürdiges Leben erfahren könnten. Viele von ihnen machten jedoch ein Geschäft mit Beelzebub, der ihnen vorgaukelte, dass es einen anderen, besseren Ort für ihr Leben gab, als den, an dem sie geboren waren. Er verführte sie zur Zeit der Winterstürme mit einem ungeeigneten Boot übers Meer zu fahren.

Aber das Boot, das sie ins Land ihrer Hoffnungen bringen sollte, kenterte in der wüsten Gewalt des Ozeans. Beelzebub gewann das Geschäft, das von vornherein zum Verlieren gemacht war. Der Schuh und mit ihm der ihn ausfüllende Fuß, das Bein und der zugehörige Mensch versanken in den kalten Fluten des westlichen ionischen Meeres. Illusionen und Hoffnungen atmeten sich ein letztes Mal aus und lösten sich in den unendlichen, dunklen Tiefen des kalten Ozeans auf. Ein Mensch von Vielen. Natürlich. Menschen sterben. Natürlich. Übrig bleiben die letzten Hinweise auf ihre namenlose Existenz: Ein Schuh, ein Strumpf, eine Jeans, die von den Wellen angespült werden. Strandgut.

 

Strandgut, wie der ganze andere angespülte Müll, der jetzt vom Meer an die Strände gespuckt wird: Als Mahnung und Impuls für jene, die dort achtsam spazieren gehen. Der Fuß, der einst in diesem Schuh steckte, ist längst Fischfutter geworden. Kein Grund also zur Aufregung. So etwas passiert. Stimmt! Niemand ist verpflichtet sich diesen Gedanken und feinen Intuitionen hinzugeben. Niemand muss die Traurigkeit empfinden, die sich in diesem, fast schon aufgelösten Strandgut befindet.

Vor wenigen Jahren noch, wäre das Foto eines angeschwemmten Schuhs einfach nur ein Gag gewesen. Ein Kuriosum, höchstens von künstlerischer Bedeutung. Doch heute hat sich die Welt verändert. Sie ist ernster geworden. Wir assozieren andere Gedanken. Die Natur ist ernster geworden und das Meer zeigt uns ganz klar, dass es uns alles wieder vor die Füße wirft, was wir aus Unbewusstheit, Gier und Achtlosigkeit hinein geworfen haben.

 

So tut es auch unser Unbewusstes. Es nimmt alles auf, was wir in ihm versenken. Manches löst es auf, manches verdaut es und verwandelt es in Strandgut, das allmählich unser Bewusstsein überschwemmt. Die einst klaren Strände, wo sich Bewusstes und Unbewusstes begegnen, füllen sich zusehends mit dem unverdaubaren Müll, den uns der Geist wieder vor die Füße schwemmt. Achten wir darauf und geben dem geistigen Strandgut unsere Aufmerksamkeit. Gehen wir nicht einfach zum nächsten hippen Thema über und lassen die Gefühle zu, die mit den Symbolen auftauchen. Fassen wir uns ein Herz und rennen nicht davon, wenn sich eine bodenlose Traurigkeit auftut. Wir rennen ja auch im Urlaub nicht weg, wenn uns die Lust zum Ballspiel, zu Tauchen oder Wellenplantschen erfasst. Lernen wir die Sprache zu verstehen, mit der die Welt mit uns spricht. Beginnen wir wieder darüber nachzudenken, was uns die Welt vor die Füße wirft. Es könnte ja sein, dass sich darunter Perlen der Liebe und Weisheit befinden. Fangen wir wieder an, uns mehr Zeit zu nehmen, um über Dinge, Situationen, Beziehungen und Ereignisse im Alltag zu reflektieren. Vielleicht geht uns dann, über die ausgelösten emotionalen Resonanzen, ein Licht auf und wir können uns von den diskussionsbesessenen, rationalen Entscheidungsfindungen verabschieden, weil wir unser Herz sprechen hören.

Der Weg ist einfach: Zulassen und anerkennen ist der erste Schritt. Loslassen und vergeben der Zweite. Anders handeln und dankbar über die Erkenntnis zu sein, der Dritte.

 

alles liebe

Hans