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Corona Lux - Von Änderungen weit entfernt

Von Änderungen sind wir weit entfernt 

 

Persönliche Gedanken und ein Bericht vom Leben unter Corona im Süden Griechenlands

 

Ich kann natürlich nur aus eigener Erfahrung berichten und diese Erfahrung ist auf mein hiesiges Lebensumfeld begrenzt. Dort wo ich lebe ist es ländlich, auch wenn die ehemalige Hafenstadt Kyparissia mit ihren 8000 Einwohnern einen kleinstädtischen Flair aufrecht erhält. Seit Mitte März herrscht hier, wie fast überall auf der Welt, ein Ausnahmezustand. Seit Ausbruch der Krise in Europa ist es jetzt mehr als vier Wochen her und ich ziehe meine kurze Bilanz. Wie sieht es heute aus?

Wie hat sich mein Alltag verändert und was glaube ich, dass die Zukunft bringt? 

 

In Kyparissia und Umgebung sind die Straßen meist leer. Die Restaurants geschlossen und die Plaza bietet ein stilles Bild mit ihren gestapelten Tischen und Stühlen, die mit Ketten an Bäumen, Laternen und anderen Verankerungen gesichert sind. Das ist mittlerweile nicht mehr ungewöhnlich. Niemand wundert sich darüber, wo all die alten Herren geblieben sind, die sonst hier ihren Kaffee oder auch ihren Uzo getrunken haben. Die Zeiten sind schwer für die kleinen Unternehmer, Restaurants und kleinen Läden, wo es sonst Hundefutter, Schrauben, Plastikfolie oder Glühbirnen gab. Jetzt gibt es dann gar keine Jobs mehr in einem Gebiet, dass schon seit Jahrzehnten entvölkerte, weil es keine Arbeitsplätze gab. Einzelne Geschäfte haben geöffnet, meist jene, die auch eine der "Ein-Zapfsäulen-Tankstellen" an der Strasse betreiben. Ob es sie nach Corona noch geben wird, ist mehr als fraglich.

Ebenso werden die kleinen Hotels und Appartmentvermieter in existentielle Probleme kommen, denn auch wenn hier kein typisches Tourismusgebiet ist, so lebten doch viele von dem saisonalen Zubrot. Doch die meisten Menschen hier sind es gewöhnt nur einmal im Jahr richtig Geld zu haben, nämlich dann, wenn die Olivenernte war und an die Ölmühlen verkauft wurde. Das ist aber erst wieder ab Dezember so. Bis dahin müssen sie die Krise überleben.

 

Für unsere Schäferhündin "Helena" ist die Welt dagegen einfacher. Wir profitieren davon, dass wir uns wegen ihr viel freier bewegen können. Die Ausgangsbeschränkung erlaubt ein artgerechtes Gassi-Gehen ausdrücklich. Das bedeutet für unseren Greek Shepherd, dass wir auch mit dem Auto zu geeigneten Landstrichen fahren können, wo sie mehrere Stunden am Tag rennen und toben kann. Der Besuch am Strand ist erlaubt, solange der Sicherheitsabstand eingehalten wird. Zur Zeit sind die Temperaturen schon so, dass sie zum Sonnenbaden einladen. Die Beschränkungen hier sind formal betrachtet recht streng, aber niemand kommt auf die Idee, das zu kontrollieren.

Gestern habe ich zum ersten Mal beobachtet, dass es eine heftige Diskussion an der Supermarkt-Kasse gab, weil jemand sich nicht freiwillig an den Abstand halten wollte. So sind sie die Griechen, die ich kenne: Freiwilligkeit durch Einsicht. Wie anders wird das in Deutschland oder anderswo gehandhabt.

 

Die kleinen Wochenmärkte an Samstagen und Sonntagen finden nach wie vor statt. Wo sollen die Bauern auch sonst ihr Gemüse, Obst, Eier, Gewürze, Honig und Käse aus ihrer Ernte verkaufen. Der Ernte ist es egal wo sie verdirbt, wenn sie nicht zeitgerecht gegessen wird. Und wenn der Bauer nicht zeitgerecht seine Ernte verkaufen kann, dann wird er in Not geraten. So einfach ist das hier, denn die Menschen haben keine Rücklagen und auch kein so üppiges Sozialsystem wie in Deutschland.

Es gibt nur sehr wenige öffentliche Bekanntmachungen. Das Wichtigste erfahren wir von der Website der deutschen Botschaft in Athen. Einiges Lokales durch Chats mit Freunden. Den Blick ins Weltgeschehen durchs Internet. Aber das war auch schon vor der Krise so. Allerdings ist die Qualität und Zuverlässigkeit der DSL Anschlüsse zur Zeit gefühlt viel stabiler als noch vor vier Wochen.  

 

Hier im Dorf, das sich aus einzelnen Häusern zusammensetzt, die auf mehreren Quadratkilometern  Olivenwald verteilt sind, geht es uns ganz gut. Da hat sich kaum etwas in den letzten vier Wochen geändert. An der Strasse nach Kyparissia liegen zwei Supermärkte, die geöffnet haben. Es gibt Hinweise, aber keine Einschränkungen. Am Eingang liegen Handschuhe zur freien Entnahme aus. Es ist aber keine Pflicht sie zu nehmen. Einige tun es andere nicht. Die Jüngeren gehen mutiger mit der Situation um. Sie handeln besonnen, zielgerichtet und schnell, aber ohne Mundschutz und Handschuhe.

Dementsprechend suggerieren sich die Leute hier nicht in eine Quarantäne-Zone, sondern sie leben so umsichtig wie bisher. Trotzdem wird es mit zunehmender Zeit psychologisch schwieriger, die eigenen Gewohnheiten hinten anstellen zu müssen. Die obligatorischen Kirchenbesuche nicht mehr machen zu dürfen, fällt besonders den Älteren schwer. Die orthodoxe Religion ist viel tiefer in das Leben hier verwoben, als ich das anderswo auf der Welt erlebt habe. Selbst ich vermisse das Läuten der Glocken in den vielen im Land verstreuten kleinen Kirchen, in deren Geläute sich das Jaulen und Heulen hunderter Hofhunde einmischte. Es ist stiller geworden in einem Land, das bereits vorher schon still war.

 

Ich bin sicher, dass es schlimmere Orte gibt, als den, an dem wir sind und darüber sind wir froh. Es ist  ein wenig so, als ob jemand die Welt angehalten hätte. Auch wenn es vorher schon ruhig war. Die Anzahl der Traktoren und Autos, die vor unserem Haus hin und her gefahren sind hat massiv abgenommen. Die Leute halten sich an die Ausgangssperre und empfinden die getroffenen Maßnahmen als notwendig.  

Es ist eine ganz merkwürdige Lage: Uns geht es gut. Unser Tagesablauf hat sich kaum geändert. Wir kennen keine Infizierten oder Covid-19 Kranken. Es fahren auch keine Krankenwagen herum. Und doch wissen wir von der dramatischen Realität, dass in den Ballungszentren der Länder, in den bevölkerungsreichen Staaten, in Lagern und Armenvierteln in der Welt, die Krankenhäuser überfüllt sind Tausende von Menschen sterben.

 

Aber auch wenn wir hier noch in einer ruhigen Situation leben können, werden viele sehr dringende Probleme derzeit vernachlässigt. Da sind die Flüchtlingslager auf den Ägäis-Inseln und auf dem Festland. Ich halte sie für eine Zeitbombe, die explodieren wird, wenn die europäische Zusammenarbeit nicht bald ihr kleinkariertes Palaver und medienwirksame "Abholen von Kindern" einstellt und tatsächlich hilft. Ich halte Griechenland für ein starkes Land, das vieles selbst regeln und durchstehen kann, aber kein Land der Welt ist mächtig genug, allein mit der Pandemie fertig zu werden. Ich finde es traurig und schade, dass in der Krise der europäische Nationalismus neu aufbricht und die europäische Zusammenarbeit sabotiert.

 

Momentan scheint es mir, dass die Menschen ihren Regierungen noch vertrauen. Aber ich glaube, dass  alles davon abhängen wird, wie lange die Ausgangsbeschränkungen und Eingriffe in die persönlichen Freiheiten des Einzelnen anhält. Es wird davon abhängen "ob alles gut geht", wie das Ende der Ausnahmen und der Übergang zur Normalität gestaltet wird und wie diese Normalität dann aussehen wird.  Für die Region hier, die von der Landwirtschaft und weniger vom Tourismus lebt, kann es glimpflich abgehen. Doch es wird auch hier diejenigen Einwohner treffen, die nicht wirklich reich sind. Für sie dürfte es schwierig werden, wenn die ohnehin angeschlagene Konjunktur Griechenlands in eine längerer Rezession rutscht. Ob dann die sprichwörtliche Gelassenheit der Griechen erhalten bleibt, wird ein Blick auf den Syntagma-Platz in Athen zeigen. Die Wiege der europäischen Kultur ist nämlich alles andere als ein Kinderbettchen, sondern ein schlafender Vulkan, der ohne weiteres ausbrechen kann.

 

Für mich persönlich hat sich in der Corona Krise nicht wirklich viel geändert. Ich arbeite bereits seit über drei Jahren von zuhause aus. Seit März diesen Jahres bin ich wieder hier, mit Unterbrechungen aber schon seit 2017. Ich habe gelernt ohne Online Versand auszukommmen und geduldig zu sein, wenn es Waren gerade mal nicht gibt. Hier kann man dem Konsumrausch nicht verfallen, weil die nächsten großen Städte 100 bzw 200 km entfernt sind. So versuchen wir hier das umzusetzen, was in der hochgezüchteten Industriegesellschaft in Deutschland kaum möglich war. Es ist Zeit vorhanden, um Dinge wieder selbst zu reparieren und Kräuter und Gewürze im kleinen Balkon-Garten anzuziehen. Ich finde es besser, den umliegenden Bauern ihre Produkte abzukaufen, als ihnen mit viel Arbeit und Unwissenheit durch eigene Gartenbau-Versuche ins Handwerk zu pfuschen. So achten wir die Menschen, ihre Gast- und Freundschaft, die wir von Anfang an, hier erleben durften und noch erleben.

 

Nur das Wissen darum, nicht mehr nach eigener Entscheidung reisen zu können, empfinde ich seltsamerweise als belastend und unangenehm. Auch wenn ich das in der gegenwärtigen Krisen-Situation unterstütze und verständlich finde. Ich bin jedoch nicht mehr so optimistisch, dass die derzeitigen Maßnahmen die Reisefreiheit nicht auch in Zukunft einschränken werden. Obwohl meine Intuition anderes spricht, möchte ich derzeit nicht glauben, dass diese Corona Pandemie ein Grund für einen ungefragten Umbau der Gesellschaft ist. Noch bin ich zuversichtlich, dass die Einschränkungen und die damit verbundenen Kontrollen keine permanenten sein werden. Spätestens wenn sich zu Beginn des Winters 2020, der Virus über 80% bis 90% der Menschheit ausgebreitet hat, machen Einschränkungen nämlich keinen Sinn mehr. Ob die Verantwortlichen und Entscheider bis dahin ihren Angst-Wahn überwinden konnten bleibt abzuwarten.

 

Was ich allerdings gar nicht glaube, ist, dass diese weltweite Krise eine wirkliche Neubesinnung über das Zusammenleben und der Organisation der Gesellschaft verursachen wird. Dazu war ihr Wirkung auf das bestehende System zu schwach. Ich glaube, dass die große Umverteilung des Reichtums von unten nach oben durch die Corona Krise beschleunigt wird. Das ist schlimm genug, aber ich sehe überhaupt keine  Möglichkeit, wie der Umbau einer Gesellschaft im Interesse der Menschen erfolgen kann, wenn diese Menschen alles hinnehmen, was sie von der Machtelite vorgesetzt bekommen. Es wird die Aufgabe weiterer Krisen sein, die in schneller Folge eintreten werden, das existierende Machtsystem zu zerschlagen. Wir werden nicht umhinkommen eine neue Weltordnung aufzubauen. Eine Weltordnung für die Menschen. Eine, die nur noch eine, der Umwelt, dem Klima und dem Gemeinwohl verpflichtete Wirtschaft zulässt. Eine Ordnung, die nicht nur den Menschen als Sinn und Zweck der Schöpfung sieht, sondern auch die Ameise und den Elefanten, den Herzklee und den Mammutbaum. Diese neuen Systeme sind nicht digital, wie es gerade groß geredet wird. Sie sind analog, so, wie wir Menschen analog sind. Es gibt nicht nur Null und Eins, sondern unendlich viele Werte dazwischen, die alle zum Leben gehören. Das wird schwierig und kann nur funktionieren, wenn den Werten des alten Systems abgeschworen wird. Von einer revolutionären Veränderung der Weltsysteme sind wir jedenfalls noch meilenweit entfernt.

 

alles liebe

Hans