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Ein Brief aus Moskau

Ein Brief aus Moskau

 

Vor einigen Tagen erhielt ich einen Brief von einem Freund, der vor einigen Jahren einige Workshops bei mir besucht hatte. Ich gebe den Inhalt, befreit von ein paar sehr persönlichen Informationen, hier weiter. Zeigt er doch, dass mit der nötigen Motivation, Durchhaltevermögen und Mut, sehr viel zu erreichen ist. Auch wenn das Erreichte dann nicht den ursprünglichen Zielen entspricht. Die Schöpfung ist nicht rational logisch. Sie lässt sich nicht in Zahlen fassen und mit Algorithmen steuern. Jede Veränderung an einem ihrer Teile zieht Veränderungen am Ganzen nach sich. Gerade in der spirituellen Entwicklung geht der Weg nicht gerade und vorhersehbar. Bei einem Einzelnen mag uns das ja noch verständlich sein, doch was passiert, wenn ganze Bevölkerungen in diesen Prozess eintreten? Wenn ein schwarzer Schatten große Teile der Sonne verdeckt, dann nennen wir den verbleibenden Lichtring die "Sonnen-Corona". Doch bevor wir dieses Naturphänomen erblicken, müssen wir erleben, wie sich der Schatten über das helle Licht schiebt. Es gleichsam zum Erlöschen zwingt. Doch dann geschieht das Unglaubliche: Aus der vermeintlichen Bedrohung erhebt sich die Schönheit und leitet die Wiedergeburt ein.

Wir tragen noch immer das staunende Bewusstsein unserer Vorväter in uns, die solchen Naturschauspielen mit Demut und Inbrunst begegneten. Lassen wir diese rituelle Kraft in uns zu, fassen wir auch wieder Mut den Anforderungen des heutigen Alltags zu begegnen.

alles liebe

Hans

 

Die Welt ist wie ein aufgewickelter Faden aus Kaschmirwolle. Wickelt man ihn ab und wieder auf, so sind Knäuel und Faden etwas anderes geworden, denn Millionen feiner Fäden vernetzen sich komplett neu. Genau das tun wir in der modernen Quantenphysik!

(Prof. Dr. Hans P. Dürr "Wir erleben mehr als wir begreifen" an der TU Clausthal)

 

 

Der Brief:

Moskau, September 2020 

Lieber Hans,

Ich danke dir, dass du das Buch "Der letzte Koan" geschrieben hast.

Damit hast du Teile meiner Biographie geschrieben.

Vielen vielen Dank!

 

Dieses Buch ist mir eine große Hilfe!

Mit meinem 21. Lebensjahr fing es bei mir intensiv an. Man nenne es Kundalini oder wie auch immer, das spielt keine Rolle. Ausgelöst wurde alles durch das DMT-haltige schamanische Getränk Ayahuasca. Danach war die Pandora Box geöffnet. Zugleich sah ich aber auch, dass es für mich nie hätte anders sein können.

All diese intensiven Erfahrungen fielen in ein günstigen Zeitraum, ich hatte gerade meinen Zivildienst beendet und vor dem Philosophie Studium viel Zeit, solche Erfahrungen zu integrieren.

Nichts blieb so wie es früher war, ich brach auch schon bald mein Philosophie Studium ab, um nach Indien zu fahren. Doch gelandet bin ich bei den Shamanen im peruianischen Dschungel. Wo wir übrigens auch wieder Ayahuasca in den Zeremonien verwendeten.

Nach dieser Erfahrung hatte es sich mit Indien erledigt...

Es hatte sich mit der Dualität erledigt...

Es hatte sich mit der Suche erledigt...

Es hatte sich mit allem erledigt ...

Alles hatte im Grunde nie existiert ...

 

Das normale Funktionieren in der Welt wurde mir immer schwieriger und schwieriger. Die Stille wurde immer lauter und lauter. Sogar als ich die Techno-Musik laut aufdrehte, war die Stille immer noch lauter. Sie verschlang mich förmlich. Ganz besonders in den Nächten.

Ich habe mich danach an der Kunsthochschule Kassel in der Filmproduktion beworben, aber ich habe die Zusage nicht abgewartet, sondern bin nach Moskau zu meiner Freundin gezogen und schreibe dort an meinem Buch. Ich hatte Glück und habe einen kleinen Nebenjob gefunden.

 

Gott, oder das Universum, zeigt mir ständig, dass die Dinge nicht so sind wie sie erscheinen.

Egal welcher Gedanke oder welches Konzept sich in meinem Geiste bildet, es wird zugleich von "Gott" zerstört. Das ist sehr schmerzhaft fürs Ego, denn das Ego will klammern und wissen und regieren. Aber es gibt nichts, das es wissen könnte. Wie gern hätte ich einen Gott, der vom Himmel herunter kommt und mir erklärt, dass die Welt auf eine bestimmte Art und Weise funktioniert und nicht anders. Aber da ist immer wieder die Erkenntnis, die schmerzhafte Erkenntnis: "Ich" weiß gar nichts... da ist nichts zu verstehen...

 

Ich habe über dein Buch "Dein Lebensuniversum" zum ersten Mal über die C4-Verreibung erfahren. Ich muss sagen, diese Erfahrungen sind mir nicht fremd, weil solche Zustände mich schon seit meiner Kindheit begleiteten. Zuerst waren es Halluzinationen im Kindesalter. Schreiende Köpfe, die aus der Wand kamen. Später zur Schulzeit kam der Zustand wieder, aber diesmal ohne schreckliche Halluzinationen. Einfach nur ein äußert stiller Zustand, ohne jegliche Gedanken. Und nun kann ich ihn bei Bedarf "ein- und ausschalten". Ich schaue einen Gegenstand an, aber ich weiß nicht, was das für ein Gegenstand ist. Z.B. ein Basketball. Der Verstand sagt es ist ein Basketball, aber wenn man den Basketball ohne Verstand anschaut, dann weiß man nicht, was man da anschaut. Bin ich aufmerksam, kann ich beobachten, wie durch meine auf die Wahrnehmung folgenden Gedanken, langsam aus meinem Wissen, ein Basketball aus der Form wird. Das ist natürlich nur ein Beispiel und eine hübsche Übung!

Die Verreibung der Elemente, wie du es beschreibst,  ist interessant. Erst neulich erkannte ich, dass jeder Gegenstand uns etwas lehren kann, besonders intensiv natürlich halluzinogene Pflanzen. Aber auch eine Nachmittagssuppe, ein krummer Nagel, eine Reklameaufschrift. Es hängt vom Augenblick und der Feinfühligkeit ab. Ich kann das interpretieren oder auch lassen. Es ist gut solche Freiheiten zu besitzen. Ansonsten weiß ich absolut nicht was gerade so vor sich geht. 

Ich weiß nicht wer ich bin und es findet einfach ALLES in mir Platz, was man sich nur vorstellen kann. Doch es belastet mich nicht, weil ich es nicht bewerte. Womit auch? Was sind Bewertungen anderes als vorgefasste Gedanken über  ein Etwas. 

 

Nach der schamanischen Dschungel-Erfahrung waren bei mir alle Kanäle weit geöffnet. So offen, dass ich Dinge sah, die ein Leben in der bisherigen Begrenztheit unmöglich machten. Ich bin tatsächlich 

innerlich gestorben, habe mich aufgeschwungen und kehre nun tagtäglich in dieses körperliche Leben, in dieses Vorstellungsuniversum zurück. 

 

Ich habe mir mit Hilfe des Universums nun selbst den Schleier des Vergessens auferlegt. Habe freiwillig bestimmte Dinge vergessen, damit ich wieder unter den Menschen leben kann. Ich habe mich dazu freiwillig entschieden. Nun kann ich am Tisch sitzen und Tee trinken und dabei wissen, dass weder ich noch der Tisch noch der Tee existiert. Auch wenn ich darüber nachdenke, wer denn dann da sitzt und trinkt und all diese Wahrnehmungen und Gedanken hat, macht mich das nicht unruhig.

Mein Verstand hat das unweigerlich Paradoxe der Welt angenommen.

Ich bin jetzt mehr ein Überbleibsel an theoretischer Information, das in einem Chaos aus Information, eng begrenzte Pixelgruppen erfährt. Am Anfang war diese Erkenntnis unerträglich schmerzvoll. Ich habe erlebt, dass ich, mein Ego, mein Tamagotchi, nicht existiert! Ich habe mich im Tod erfahren, der alles andere als eine Nicht-Existenz ist. Ich wollte das sofort wieder vergessen, aber das ging natürlich nicht. Erfahrenes Wissen lässt sich nicht wieder vergessen, auch wenn die Erfahrung an sich, auch nicht die ganze Wirklichkeit ist.

Niemand kann die Wirklichkeit insgesamt erfahren. So wie niemand das Universum als Ganzes erfahren kann, obwohl es ja in unserem Kopf existiert. Aber jemand macht Erfahrungen in jemandes Universum und das ist das, was wir als "Ich" bezeichnen. Aber das ist ein Irrtum!

Nur ein Niemand kann in die Wirklichkeit kommen und somit kann auch nur ein Niemand die Wahrheit kennen. Nur ein Niemand kann sagen: "Ich, das Niemand, weiß, dass ich, das Niemand, nichts weiß!"

Sobald jemand diese Worte wiederholt, werden sie auch schon wieder falsch.

 

Na gut, genug der Worte. Ich danke dir für deine Hilfe und wünsche dir alles Gute und somit die Hälfte der Welt!

Dein Sergej