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Verwaltung, die Verwaltung verwaltet

 

Dies ist Artikel aus dem Tagesanbruch, der mir so sehr aus dem Herzen spricht, dass ich ihn als  Textkopie zur Verfügung stelle. Man weiß ja nie, wann, was zensiert wird ...

 

Es geht um Perfektionisten, die sich selbst bis zur Unbeweglichkeit gefesselt haben ...

 

Florian Harms schrieb am 30. März 2021 im Tagesanbruch von t-online: 

 

Zitat Anfang

Wenn die Hütte brennt, darf man nicht lange fackeln. Anpacken, Eimer holen, löschen. Wer stattdessen darüber diskutiert, ob das Wasser zuerst in die Küche oder ins Schlafzimmer soll, ob er die Tür zur Wohnstube einschlagen darf und falls ja, wer denn bitteschön hinterher den Schaden bezahlt, der hat schon verloren. In einer Notlage zählen Schnelligkeit und Pragmatismus. 

 

Hierzulande haben wir pragmatisches Handeln früher ziemlich gut beherrscht. Ohne ihre hemdsärmelige Anpacker-Mentalität hätte die Nachkriegsgeneration das Land nicht so erfolgreich wiederaufgebaut. Leider haben wir diese Fähigkeit verlernt, heute ist Deutschland gefesselt von Bedenkenträgern und Bürokraten. Gute Ideen sterben im Paragrafenhagel, neue Impulse werden so lange mit kleinlichen Vorschriften bombardiert, bis nur noch Trümmer übrig sind. So stirbt die Kreativität, so werden einfache Lösungen zerredet statt ausprobiert. Sogar ein Macher wie Helmut Schmidt hätte es heute wohl schwer, sich gegen das Geschwür aus Verordnungen, Verfügungen und Erlassen durchzusetzen, das unseren Staat lähmt. Klare Kante zeigen heute nur noch wenige, und wenn die Kanzlerin im Fernsehen mal ein paar etwas weniger verschwurbelte Sätze sagt, werden die von Journalisten gleich zum "Machtwort" hochgejazzt. Dabei war das höchstens ein Macht-doch-bitte-mal-was-Wort.  

 

Wir haben uns selbst gefesselt, und in einer Weltkrise wie Corona rächt sich das bitter. Es macht uns behäbig, verhindert schnelle Hilfe, kostet Menschenleben. Die Corona-Warn-App ist ein zahnloser Tiger, weil sie zu wenig Daten erfasst, sonst könnten ja Datenschützer aufjaulen. Auf Facebook breiten die Leute ihr halbes Leben aus, aber wenn der Staat sich mal selbst ins digitale Neuland wagt, kuscht er schon vor dem ersten Stoppschild. Noch immer verstauben Tausende Impfdosen in den Regalen, weil Berechtigte ihre Termine sausen lassen und die Vergabe sich starr nach den – Achtung – "Priorisierungsvorgaben der Verordnung zum Anspruch auf Schutzimpfung gegen das Coronavirus SARS-CoV-2" zu richten hat. Wehe, ein Jüngerer bekommt zu früh seine Spritze, das wäre der Super-GAU in unserem ordnungsliebenden Land! Unkomplizierte Lösungen wie in Amerika, wo im Supermarkt geimpft und übriggebliebene Dosen an die nächstbesten Passanten vergeben werden? Undenkbar in der deutschen Paragrafendiktatur. Es könnte sich ja jemand beschweren oder, schlimmer noch, dagegen klagen. 

 

Wochenlang wurde darüber disputiert, ob man Hausärzten das Impfen gestatten soll: Sie könnten ja klammheimlich jemanden bevorzugen! Das Misstrauen gegen die eigenen Mitbürger ist ein Meister aus Deutschland. Nachdem die Regierung sich endlich hat breitschlagen lassen, dürfen die Ärzte nun bald mitmachen, müssen sich dafür aber durch einen 26-seitigen Dokumentations-Dschungel kämpfen und die Impfdaten akribisch ans Robert-Koch-Institut melden – mancherorts auf handschriftlichen Zetteln, die dann beim RKI fein säuberlich abgetippt und ins Meldesystem eingespeist werden. Damit alles seine liebe Ordnung hat. Wäre er noch unter uns, der große Loriot könnte bestimmt einen grandiosen Sketch über das deutsche Bürokratistan drehen. Denn das Corona-Management ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Ob im Straßenverkehr, am Arbeitsplatz oder im heimischen Vorgarten: Überall wimmelt es von Regeln, und wehe, sie werden verletzt. Wenn der Bäcker um die Ecke Verstärkung braucht und auf einem Schild vor seinem Laden eine Aushilfe sucht, dabei aber das (m/w/d) für "männlich/weiblich/divers" vergisst, riskiert er ein saftiges Bußgeld. 

 

"Gutes Recht ist eine tragende Säule für Freiheit, Gerechtigkeit, Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit und politische Stabilität in Deutschland", schreibt die Bundesregierung in ihrem Programm mit dem wohlklingenden Namen "Bürokratiebremse". "Recht muss einfach, verständlich und zielgenau ausgestaltet werden." Davon sind wir kilometerweit entfernt. Wir haben uns selbst mit unzähligen Vorschriften gefesselt und zappeln nun hilflos herum wie Bleichgesichter am Marterpfahl. Wir ersticken an unserer eigenen Bürokratie, auch das ist ein Grund für das deutsche Corona-Missmanagement. 

 

 

"Ein Problem von Perfektionisten ist, dass sie keine Prioritäten setzen", hat die Kollegin Friederike Haupt in der "FAZ" geschrieben. Ein Satz, den sich die Politiker und Beamten im Kanzleramt, in den Ministerien und Staatskanzleien eingerahmt über die Schreibtische hängen sollten. Wer bei einem Hausbrand nicht weiß, was als Erstes zu tun ist, steht bald vor einem Haufen Asche. Wenn wir es nicht soweit kommen lassen wollen, müssen wir uns schnell von unser Bürokratie-Hörigkeit befreien. 

 

Zitat Ende

 

Ein Artikel aus dem Tagesanbruch, der meiner Meinung so sehr entspricht, dass ich ihn deswegen für den Fall, dass er mal aus dem Internet verschwindet, hier als Zitat-Textkopie zur Verfügung stelle.

 

in diesem Sinne alles Gute!
Hans

 

 

Zum  Original Artikel:

https://www.t-online.de/nachrichten/id_89752998/ein-geschwuer-laehmt-unseren-staat.html