Coaching - eine Reflexion

Überlegungen aus "Ein Kurs in Wundern" 

Coaching - eine Reflexion

Seit vielen Jahren habe ich Menschen als Coach begleitet und es ist eine traurige Tatsache, dass die weitaus meisten erst dann Hilfe suchen und annehmen, wenn der Leidensdruck enorm hoch geworden ist. Erst wenn man am Ende seines Lateins angekommen ist und alle anderen Versuche fehlgeschlagen sind, ist der Mensch offenbar bereit Hilfe anzunehmen. In der Zeit des Wartens wachsen dann meist auch die Probleme an, die sich als Konsequenzen aus dem Abwarten bzw. nichts Tun ergeben. So entsteht die Leidensspirale, die sich immer enger zuzieht. 

Erst wenn das Leiden auch körperlich spürbar wird, sei es durch Bulimie, Abmagern, Drogenkonsum oder Panik- und Fress-Attacken, geht man zu „Coach“ oder Therapeut und sucht die erlösende Pille, die mir nichts dir nichts das Leiden unfühlbar macht. Doch leider gibt es keine Tabletten für die Seele. Eine Pille kann das Leiden für kurze Zeit betäuben und Erleichterung verschaffen, doch niemals wird ein Medikament das Leiden der Seele auflösen. Normalerweise machen wir das Leiden, den seelischen und oft schon somatisch gewordenen Schmerz, an einem äußeren Problem fest: Die Beziehung, der Job, der Chef, die Familie, die Schule, die Gesundheit usw. Es ist wichtig für uns, dass unser Ego einen Schuldigen für seine Probleme findet, denn sonst würde unser Bewusstsein – wir – ausflippen.

Nun ist es auch eine Tatsache, dass sich das Leid in vielen Symptomen ausdrückt und diese Symptome stellen unsere Probleme dar. Löst man jedoch ein Problem, so löst sich nur ein Symptom auf und das zugrunde liegende Leid bleibt unverändert. Es wird sich ein neues Symptom suchen und ein neues Problem kreieren. Die Lösung des wahrgenommenen Problems ist also nicht die Gesundung vom Leid, auch wenn unsere alltägliche Wahrnehmung uns das vorgaukelt. Die Probleme verschwinden nur, wenn sich das seelische Leid auflöst. Genau hier kommt die Rolle des Coaches oder Therapeuten ins Spiel. Er oder Sie ist nicht in den Wahrnehmungsmustern des hilfesuchenden Klienten gefangen und aufgrund seiner/ihrer Erfahrung, kann er schnell von den Symptomen auf das zugrunde liegende Leid schließen. Als Klient sind wir dann meistens überrascht, wenn es in den Gesprächen gar nicht um „das Problem“ geht, sondern um etwas ganz anderes. Dieses Andere ist in der Regel nicht angenehm und verlangt von uns die Aufgabe unserer ach so geliebten Fassade. Die Auflösung des seelischen Leides verlangt nach einer Änderung der Lebenseinstellung und ggf. auch nach einschneidenden Änderungen im Alltag. Das Aufzeigen dieses leidverursachenden Anderen ist die Aufgabe eines Coaches und/oder Therapeuten. Er kann das jedoch nur tun, wenn der Hilfesuchende auch bereit ist zu vertrauen – und zwar eine ganz lange Zeit lang! Nur so kann er diesen Prozess begleiten. Die Begleitung einer Seele aus ihrem Leid in eine von ihr gewünschte Realität kann nicht nur für den Klient, der diese Seele ja in dieser Welt verkörpert, sondern auch für den Coach oder Therapeuten ganz schnell zur Lebensaufgabe werden. Immerhin sind sie sich nicht zufällig begegnet und mit dem Abspulen von in Wochenendseminaren gehörten psychologischer Plattitüden ist es niemals getan. Damit die Seele des Klienten heilen kann, muss der Coach erkennen, dass er sich selbst im Klienten begegnet. Er muss ihn „In sich“ aufnehmen, anerkennen und in seiner Fremdartigkeit als Symbol seiner eignen Vorstellungen erkennen. Für beide ein sehr schmerzvoller Prozess der Erkenntnis, der weit über das hinausgeht, was uns die heutigen Therapiemethoden lehren. Es ist sehr viel spiritueller, als unsere schulwissenschaftliche Psychologie uns weismachen will. Wir alle treffen in und mit Gottes Willen zusammen, damit wir uns gegenseitig vom mitgeschleppten Leid befreien. Davon gibt es keine Ausnahme. 

Es ist nicht die Aufgabe des Coaches seine Methoden zu beweisen und es ist auch nicht seine Aufgabe die Probleme des Klienten zu lösen. Einzig einen Raum zu bilden, indem sich die beiden Seelen begegnen können, ist seine Aufgabe. Er kann nur dies tun, denn er hat keine Pillen, die das Leid ausrotten. Wenn er sein Gegenüber dahin führen kann, dass es selbst einen Raum der Liebe gegenüber ihm, sich selbst und anderen Menschen aufbauen kann, dann hat er seine Berufung verstanden. Das gelingt nicht in einem Schnellverfahren oder gar in einer einzelnen Sitzung. Aber in seiner Rolle als einer beständigen und unbestechlichen Referenz,, an der der Klient seine eigenen Gedanken und Ansichten prüfen, sie bestätigen oder verwerfen kann, ist der Coach weder Freund noch Feind und nur seiner eigenen Wahrheit verpflichtet. Wie viel ein Klient davon annimmt, wie tief er in die Liebesfähigkeit seiner Seele eintaucht und wie viel er dann davon in seinem eigenen Leben umsetzt, liegt in seiner eigenen Entscheidung. 

Doch eines gilt immer: Ein Coach/Therapeut erfüllt seine Aufgabe unbedingt, wenn in einer Sitzung ein klares, positives Gefühl entsteht, auch wenn die Tränen der Erkenntnis nicht enden wollen und die Einsicht über den eigenen Trotz sich anfühlt, als ob man gerade einen Marathon gelaufen wäre.

Wie gesagt, es spielt keine Rolle, was das ursprüngliche Problem war, denn es sind immer die eigenen angstvollen Überzeugungen und Lebensmaximen mit denen wir so sehr Konflikt geraten, dass wir uns unsere eigene Hölle schaffen. Der Weg ins Paradies ist nicht schwieriger, nur müssen wir dazu unseren Eigensinn aufgeben und weich und durchlässig für die ewig strömende Liebe werden.

 

Alles liebe

Hans Rosegger