der Narzissmus der Frau

Der Narzissmus der Frau

 

Mit Narzissmus bedenkt man gerne Männer, die sich mit Protzen, Angeben und Herrschsucht hervortun. Das ist nicht immer fair, denn nicht gleich jedes Imponiergehabe ist Narzissmus und es verdeckt die nicht minder emotional gewalttätigen Formen des weiblichen Narzissmus. Der Narzissmus von Frauen spielt sich im Hintergrund ab. Er ist stiller, weniger offensichtlich und versteckter. Trotzdem ist er nicht minder gefährlich. Das Selbstwertgefühl narzisstischer Frauen wechselt zwischen Größenwahn und Minderwertigkeit hin und her und man muss schon genau hinsehen, will man die Methoden erkennen, mit denen sich die Betroffene alles für die Pflege des eigenen Egos einverleibt. Oft ist dazu eine große Erfahrung notwendig, denn die unter einer weiblichen Narzisstin leidenden Männer trauen sich meist auch nicht Hilfe zu suchen. Sie gehen der illusionären Ansicht nach, dass ein richtiger Mann so etwas aushalten müsse. Wenn sie Hilfe suchen würden, gäben sie sich der Lächerlichkeit preis. Doch das ist weit gefehlt.

 

Dieser Text enthält ein hohes Potential für ungewollte Resonanzen. Deshalb ist es mir wichtig klarzustellen, dass nicht jede Frau gleich eine Narzisstin ist, die sich gerne bewundern lässt oder sich über Anerkennungen freut. Wie überall im Leben ist das eine Frage der Intensität und der Balance. 

 

Alle Narzissten leiden unter einem instabilen und schwachen Selbstwertgefühl, das sich nur durch die Kontrolle der Lebensumwelt einigermaßen ertragen lässt. Eine narzisstische Frau  leidet sehr unter den starken Schwankungen ihres Selbstwertgefühls, anderseits hält sie sich für die Größte, Schönste, Beste und Perfekteste. Doch tief in ihr, glaubt sie nichts wert zu sein. Ihr Leben kreist um die Sorge, dass jemand anderes besser sein könnte als sie. So befindet sie sich dauernd in einer Spannung zwischen einem übersteigerten Größen- und Minderwertigkeitsgefühl. Um diese innere Spannung abzubauen, braucht sie eine ständige Bestätigung von außerhalb.

 

Frauen mit einer narzisstisch geprägten psychischen Deformation leben in wechselnden Extremen. Eine ruhige ausgeglichene Mitte kennen sie nicht. Einen inneren Kraftquell haben sie nie in sich kennengelernt. Solche Frauen leben entweder in einer vollständigen Abhängigkeit von ihrem Partner und fordern von ihm, ihrem Idealbild eines Mannes zu entsprechen oder sie leben unabhängig in totaler Selbständigkeit und allein. Eine Kombination aus beidem ist ihnen nicht möglich, da sie durch ihr labiles Selbstwertgefühl nicht beides als Ausdruck ihrer Persönlichkeit akzeptieren können. Sie erlauben es sich nicht, sie selbst zu sein, und fordern daher von sich selbst entweder Selbstaufgabe oder kompromisslose Unabhängigkeit. Solche Frauen unterliegen ständigen Schwankungen ihrer Selbsteinschätzung. Sie fühlen sich großartig und stark und im nächsten Moment hilflos und schwach. Die Stärke dieser Schwankungen hängt von der Aufmerksamkeit und Bewunderung durch ihre Umwelt bzw. Mitmenschen ab. Erhalten sie, was sie sich ersehnen, fühlen sie sich gut bis hin zur Euphorie. Wird die Beachtung versagt, fällt ihr Selbstwertgefühl ins Bodenlose und sie können ihre Emotionen nicht mehr kontrollieren. Sie verlieren dann die Fähigkeit, sich selbst richtig einzuschätzen und werden zum Spielball der Reaktionen aus ihrem aktuellen Umfeld.

 

Frauen mit einer narzisstischen Ausprägung glauben, immer perfekt sein zu müssen. Sie glauben, dass sie Zuneigung, Nähe und Anerkennung nicht für ihre Person erhalten, sondern für ihr Tun, ihr Aussehen, ihr Sexappeal, ihre Intelligenz oder andere Fähigkeiten. Droht ihnen der Verlust von Beachtung, werden ihre Fähigkeiten kritisiert oder erhalten sie nicht die von ihnen erwartete Anerkennung für ihr Tun, bricht ihr Selbstwertgefühl zusammen. Daher dreht sich ihr Tun um alles, was Jugendlichkeit, Schönheit, Anerkennung und Leistungsfähigkeit erhält. Diese Frauen pflegen ihre Attraktivität und obwohl sie sehr viel Wert auf Figur und Kleidung legen, finden sie sich hässlich, zu dick, zu unattraktiv und nicht liebenswert. Sie lehnen sich innerlich von Grund auf ab. Egal, wie sehr sie ihr Äußeres zu perfektionieren versuchen, sie werden sich niemals gut genug finden. Immer finden sie noch ein Detail, das ihnen "beweist", unzureichend zu sein und deshalb von anderen abgewiesen zu werden. Sie finden an jedem Ding, das nicht von ihnen stammt etwas zu bemängeln, lassen nichts Gutes an Anderen und finden in jeder Suppe ein Haar.

Trotz dieses dauernden Kampfes, der in ihnen tobt, geben sie sich nach außen gut gelaunt. Gegenüber Anderen erscheinen sie meistens in guter Stimmung, freundlich und hilfsbereit. Sie machen einen perfekten Job. Sie sind engagiert, konzentriert und ehrgeizig. Andere Menschen stecken sie oft mit ihrer guten Laune an oder sprechen ihnen Mut zu. Doch das ist alles nur eine Fassade, die ihre Einsamkeitsgefühle, die tiefe innere Leere und Traurigkeit überdeckt. In einsamen Stunden fühlen sie sich alleine, kraftlos und depressiv. Sie sind sich ihrer Selbst keineswegs so sicher, wie sie es nach außen zeigen. Sie wissen um diese gespielte Souveränität und Heiterkeit und dieses Wissen erzeugt tiefe Selbstzweifel und Gefühle der Ohnmacht. 

 

Narzisstische Frauen können ihren Körper nur dann akzeptieren, wenn er ihren Idealen entspricht. So muss er stets gesund, topfit und funktionsfähig sein. Jede noch so kleine Abweichung von ihren Idealen dient ihnen als Begründung für ihre Unfähigkeit. Sie glauben, dass ihr Partner sich allein deshalb von ihnen trennen würde, weil sie klein, dick und hässlich sind oder weil die Farbe vom Nagellack nicht zur Handtasche passt oder weil eine andere Frau ähnliche Garderobe trägt. Sie glauben, ihre Jobs hingen davon ab, dass dem Chef ihre Figur oder Haarfarbe nicht passt. Immer wieder geben sie ihrem Körper die Schuld, wenn etwas in ihrem Leben nicht so läuft, wie sie es erwartet haben. Sie wanken so von einem Misserfolg zum nächsten und kompensieren alles mit einem immensen inneren Kraftaufwand.

 

Damit die Kompensation auch gelingt, fahren sie ständig ihre sensiblen Antennen aus und scannen damit ihre Umwelt. Mit ihren empfindlichen Fühlern, versuchen narzisstische Frauen ständig herauszubekommen, wie sie augenblicklich bei anderen "ankommen". Sie wollen sich so das Gefühl verschaffen, die Tollsten, Besten und Schönsten zu sein. Sie müssen unbedingt besser sein als andere und die gesamte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Nur so können sie den tief in ihnen wütenden Gefühlen der Minderwertigkeit entkommen. Logischerweise sind andere Frauen dadurch nur Konkurrentinnen, die unbedingt ins Abseits gedrängt werden müssen. Diese Frauen machen ihr inneres Glücksgefühl einzig und allein von den äußeren Umständen abhängig. Dadurch begeben sie sich in einen Teufelskreis, der ihren Selbstwert vollständig vom Verhalten ihrer Umwelt abhängig macht. Da sie sich gut fühlen wollen, stecken sie immer mehr Kraft in die Kompensation und laugen sich so aus. Die Folge ist Antriebs- und Kraftlosigkeit, die nur mit noch mehr Kompensation übertüncht werden kann. Die dazu notwendige Kraft beziehen sie dann wieder aus den Reaktionen der Umwelt usw.

 

Wenn sie einmal glauben ihren Idealvorstellungen zu entsprechen, fühlen sie sich für eine kurze Zeit zwar innerlich sicher, brauchen jedoch alsbald wieder eine "Aufladung". Bleibt die Möglichkeit der Aufladung aus, zerbricht ihre Welt der euphorischen Gefühle und es bleibt eine schale, nagende Leere, ohne jeden Sinn zurück. Diese existenzbedrohende Leere müssen sie dann wieder überwinden, meist, indem sie eine starke Kompensation starten. So leben narzisstische Frauen in einem Gefühlsfeld von berauschter Grandiosität und deprimierter Minderwertigkeit, das sich ihr schwaches Selbstbewusstsein einverleibt hat. Sie können ihre  weiblichen und männlichen Seelen-Anteile nicht in ihrer Persönlichkeit integrieren. Der selbstverständliche männliche Aspekt ihres Wesens wird durch Leistung, Perfektion und Herrschsucht nach außen überbetont und der selbstverständliche weibliche Anteil wird durch Nachgiebigkeit bis zur Selbstaufgabe und sklavischer Wertlosigkeit bis zur Aufopferung ausgedrückt. Beiden Anteilen wird dabei ein zu hoher Stellenwert beigemessen und das Ausbalancieren der Mitte unterbleibt. So ist er weibliche Narzissmus durch diese Extreme in der Persönlichkeit gekennzeichnet.

Im alltäglichen Leben macht sich eine narzisstische Frau immer davon abhängig, was die Anderen von ihr denken und wie sie bei den Anderen "ankommt". Sie tut die wenigsten Dinge, weil sie ihr Spaß machen oder zu ihrem Wohl sind. Sie tut alles fast nur, um anderen zu gefallen, denn Kritik an ihrer Person ist das Allerletzte, was sie ertragen kann. Jede Anerkennung soll und muss ihr fehlendes Selbstwertgefühl ausgleichen, da sie es nicht von innen heraus, aus eigener Kraft regulieren kann. Diese Unachtsamkeit auf die eigenen wahren Bedürfnisse ist ein Maß für die fehlende Selbstliebe. 

Da es an Selbstliebe mangelt, glaubt die narzisstische Frau, diese Liebe durch Bewunderung von außen erlangen zu können und so macht sie ihren Selbstwert allein vom Außen abhängig. Bewunderung ist jedoch keine Liebe. Bewunderung bekommt man für eine besondere Leistung oder einen besonderen Zustand. Damit ist Bewunderung auf eine Situation bezogen und endet mit ihr. Liebe hingegen umfasst den ganzen Menschen mit all seinen Stärken und Schwächen. Sie unterscheidet nicht anhand von Erfolg, Leistung oder Attraktivität. Wahre Liebe ist immer da und vergeht nicht. Die wenigsten Menschen aber, kennen wahre Liebe. Deshalb dient Anerkennung und Bewunderung für sie als Ersatz. Die meisten Menschen sehnen sich nach Liebe und Anerkennung und sehen das Problem der Liebe in erster Linie darin, selbst geliebt zu werden, statt selbst zu lieben. Aus dem egoistischen Wunsch, selbst geliebt werden zu wollen und aus der Unfähigkeit heraus, selbst lieben zu können, richten sich die Bemühungen vieler Menschen darauf, Bewunderung zu erhalten. Doch dieser fehlt es an Nachhaltigkeit und so enden sie im Kreislauf von: "immer größer, besser und mehr".

 

Wenn die narzisstische Frau sich ganz der Umgebung anpasst, macht sich abhängig von anderen Menschen und deren Wünschen. Sie verleugnet dabei ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Das ist ein hoher Preis, den sie dafür bezahlt. In diesem Handel verliert sie sich selbst und bekommt dafür eine Anerkennungshülse ohne Wert, von der sie glaubt, sie dringend für ihr Überleben zu benötigen. Dieser Handel geht daher immer auf Kosten ihrer seelischen und körperlichen Gesundheit. Wer seine Bedürfnisse dauerhaft unterdrückt, muss damit rechnen, dass sie in psychosomatischen Störungen, Krankheiten, Depressionen oder Süchten ausbrechen. Der persönliche Zusammenbruch ist letztendlich die Folge einer unterernährten und schmerzverzerrten Seele. Statt sich selbst zu nähren und sich, der eigenen Seele, Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken, muss sich die Narzisstin mit dem Ersatz "Bewunderung" begnügen. Doch so verhungert sie unter Schmerzen, denn die Bewunderungshülse enthält keine Nährstoffe für die Seele.  

 

Der mangelnde Selbstwert einer Narzisstin führt jede Beziehung in ein andauerndes Schwanken zwischen Nähe und Distanz. Einerseits sehnt sich der weibliche Narzisst nach einer erfüllten Beziehung, andererseits erlebt sie in der Beziehung zu ihrem Partner ihre Angst, von ihm vereinnahmt und abhängig zu werden. Geht sie jedoch in die autonome Distanz, dann fürchtet sie sich vor dem Alleinsein und wird meistens depressiv. Es ist also gleichgültig welchen Lebensweg sie einschlägt, sie wird kein inneres Gleichgewicht und keine Zufriedenheit finden. Der innere Konflikt zwischen Abhängigkeit und Selbständigkeit bricht nach Außen in die Beziehung durch und belastet diese bis zum Auseinanderbrechen. Die Narzisstin schafft sich so die großen Misserfolge ihres Lebens, die ihren Glauben an ihre Minderwertigkeit bestärken. 

Am Anfang einer Beziehung gibt sich eine narzisstische Frau zunächst selbstbewusst, gefestigt und zielstrebig. Sie tut so, als ob sie wüsste, was sie will und was ihre klaren Zukunftsziele sind. Doch hat sie ihren Partner auserkoren, fällt dieses Verhalten in sich zusammen und sie macht sich von ihm abhängig, passt sich ihm bis zur Unterwerfung an und unterdrückt wieder ihre eigenen Bedürfnisse. Sie wird unselbstständig und klammert sich voll und ganz an den Partner. Sie beginnt, sich nicht mehr als eigenständige Person wahrzunehmen. Jede Form eines individuellen Ausdrucks oder das Nachgehen eigener Interessen des Partners wird als Distanzierung und Trennung empfunden. Das versetzt sie in Panik und die Kompensation löst immer wieder neue Beziehungskonflikte aus.

 

Der Narzissmus der Frau ist, wie der männliche Narzissmus, nur schwer heilbar. Zu tief liegen die Wurzeln dieser Störung und zu langwierig, heute muss man leider auch schon sagen: zu teuer, sind die erforderlichen Heilmaßnahmen. Heutige psychologische Methoden, die darauf ausgerichtet sind, dass ein Mensch in der Gesellschaft wieder "funktioniert", lösen die Probleme nicht. Die Heilung eines nicht ausgebildeten "Ich -Selbst" oder der Aufbau eines, sich selbst als wertvoll ansehenden "Selbstbewusstseins", kann nur in der Isolation von eben der Gesellschaft vonstatten gehen, die dafür gesorgt hat, dass das Problem überhaupt erst eingetreten ist. Ein Langzeitaufenthalt über Monate und Jahre an einem dafür geeigneten Ort, mit entsprechend professioneller Begleitung und spiritueller Ausbildung, ohne Einflüsse des bisherigen Lebensumfeldes, stellt die aussichtsreichste Möglichkeit der Heilung für einen Narzissten dar.   

Noch einmal möchte ich betonen, dass dass nicht jeder gleich ein Narzisst ist, der sich gerne bewundern lässt oder sich über Anerkennungen freut. Wie überall im Leben ist es eine Frage der Intensität und der Balance. Jeder ist mal schwach und passt sich den Gegebenheiten an und jeder ist mal stark und fordert Anpassung ein. Auch gibt es Tage ekstatischer Freude und Tage abgrundtiefer Trauer. Deshalb ist man nicht gleich manisch-depressiv oder psychisch instabil. Es ist der Grundtonus im Leben, der spüren lässt, ob man Hilfe suchen sollte. Dazu gehört natürlich auch das Hinhören auf Freunde und das Lebensumfeld. In der Regel schweigen sie nicht, wenn der Seele etwas fehlt. Jedoch sollte niemand diese Hinweise ignorieren und achtsam damit umgehen.

 

alles liebe

Hans

 

Die Psychologin Bärbel Wardetzki hat ein Buch „Weiblicher Narzissmus“ darüber geschrieben. Sie zeigt darin die typischen Kennzeichen des weiblichen Narzissmus auf.

 

 

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