Vergewaltigt und danach

 

Wichtiger Hinweis: Diese Geschichte beinhaltet ein hohes Identifikationspotential. Bitte geh verantwortlich mit dir und deinen Resonanzen um. Alle Namen, Orte und Situationen sind absichtlich so verändert worden, dass keine Rückschlüsse auf die tatsächlichen Personen und ihr Leben möglich sind.

 

Vergewaltigt und danach

Dies ist die Geschichte von Lisa. Eigentlich hatten ihre Eltern sie Elisabeth getauft, aber das war schon 46 Jahre her und hatte sich im Laufe der Zeit in die Kurzformen Lisa oder Lizzy verwandelt. Lisa ist heute eine lebenslustige Frau, die im Orchester des Stuttgarters Staatstheaters Cello spielt. Vor vielen Jahren hatte Sie an der dortigen Musikhochschule ihre geliebtes Instrument studiert. Doch ihre Jugend war überschattet von Ereignissen, die sie fast ihr Leben gekostet hätten. Lizzy gehört zu den unzähligen Vergewaltigungs--Opfern, die in einer schön-heilen, bürgerlichen Familie in dem Bewusstsein aufwachsen, dass Schmerz und Pein in jedem Augenblick über sie hereinbrechen können. Seit sie zwölf Jahre alt war, wurde sie von ihrem sieben Jahre älteren Stiefbruder sexuell missbraucht. Dieser Junge war mit dem Mann in die Familie gekommen, den ihr ihre Mutter mit: "Das ist dein neuer Vater", vorgestellt hatte. Sie erinnerte sich noch daran, dass es mit ihrem richtigen Vater über eine lange Zeit nächtliche, lautstarke Auseinandersetzungen gegeben hatte, bis er auf einmal nicht mehr heim kam. Er blieb einfach weg und hatte sich nicht einmal von ihr verabschiedet. Da war sie gerade 6 Jahre alt. Dann brachte Mama diesen Fred mit nach Hause und in seinem Schlepp seinen Sohn Rainer. Fred roch oft schon von weitem nach Alkohol, aber das tat ihre Mutter ja auch des Öfteren. Fred war so, wie ihre Mutter: laut, aufbrausend und unberechenbar. Jedenfalls für eine Sechsjährige. Doch nach außen hin steckte er in einem feinen Anzug und ging zumindest eine Zeitlang einer gesitteten Arbeit nach. Lizzy erzählte, er habe in einem Kaufhaus in der Verwaltung gearbeitet. Ihre Mutter war Bürokraft in einer Steuerkanzlei, doch kehrte oft erst spät Nachts und meistens in Männergesellschaft, nach Hause zurück. Lisa kam mit all dem recht gut klar. Sie entzog sich so gut sie konnte, dieser Gesellschaft und baute sich ihre eigene Welt in den vier Wänden ihres Zimmers auf. In der Schule war sie ganz gut, auch wenn die Trauer um den Vater zunächst die Aufmerksamkeit und damit auch die Schulnoten nach unten drückten. Sie hatte schnell gelernt, dass sie in ihrer Familie niemandem trauen konnte. Innerhalb weniger Stunden wussten alle darüber Bescheid, was Lisa ihrer Mutter oder auch versuchsweise Fred oder Rainer im Vertrauen gesagt hatte. Sie fühlte sich wie eine einsame Insel in einem bedrohlich grauen Ozean.

 

Die Kälte breitete sich in mir aus, wie ein Schimmelpilz - und das war, was von mir übrig blieb.

Eines Morgens, als Fred und Mutter bereits zur Arbeit unterwegs waren, überraschte Rainer sie im Bad. Damit fing Lizzys Märtyrium an. Rainer war ihr körperlich weit überlegen. Sie versuchte sich zu wehren, aber sie hatte keine Chance, sich Rainers Übergriff zu entziehen. Er vergewaltigte sie auf den Fliesen vor der Badewanne und als sie vor Schmerz schrie, presste er seine Hand auf ihren Mund, bis ihr schwarz vor Augen wurde. Dann drohte er ihr, dass er sie umbringen werde, wenn sie auch nur ein Sterbenswörtchen zu irgend jemandem darüber sagen würde. Dabei würgte er sie wieder, bis sie fast ohnmächtig wurde. Das war das erste Mal, dass sie vor Angst erstarrte. An dem Tag wusste Lisa noch nicht, dass dies erst der Anfang einer Tragödie war, die sich im Laufe der nächsten Jahre ungezählte Male wiederholen sollte. Aus Scham und Angst vergrub sich Lizzy tief in ihrem Inneren und der graue Ozean erstarrte zu einer dunklen, bizarren und scharfkantigen Eisfläche.

 

Lisa sagt heute dazu: "Ich war in dieser schroffen Kälte meiner Gefühle gefangen. Alles in mir war erstarrt. Als ich diesem Mädchen in der Therapie helfen wollte, war das nicht möglich. Ich erkannte einfach nicht, was da mit mir geschehen ist. Diese Kälte war alles, was von mir übrig geblieben war und es hatte sich in meinem Leben wie ein Schimmelpilz ausgebreitet. Ich wurde eine New-Gothic, eines von jenen Mädchen, die sich ganz in schwarz kleiden, sich schwarze Augen schminken und dabei ein möglichst bleiches Gesicht zeigen. Tattoos waren cool und Piercings natürlich auch. Je auffälliger, je besser. Und als das nicht mehr reichte, meinen Hass und meine innere Wut auszudrücken, begann ich mit dem Ritzen. Meine Ober- und Unterarme und die Oberschenkel sind ein einziges Narbenfeld." 

 

Über viele Jahre hat Lizzy unbewusst die Vergewaltigungen als Strafe dafür angesehen, dass sie den Weggang ihres Vaters nicht verhindert hatte, dass sie kein braves Mädchen war und erzogen werden musste, wie es Rainer immer wieder gesagt hatte. Das Mutter und Fred ihr nicht glaubten, sie der Lüge bezichtigten und ein riesiges Theater veranstalteten, als sie mal eine vorsichtige Bemerkung fallen ließ, begrub ihre Hoffnungen vollends. Sie gab auf, denn wie sollte sie diesem grausamen Gefängnis, das ihr Zuhause war, entkommen? Warum sollte sie Verständnis und Liebe vom Leben erwarten, wo es doch so offensichtlich aus Gemeinheit, Schmerz und Erniedrigung bestand. Lisa entwickelte die Überzeugung, dass sie selbst schuld an der ganzen Misere war und deshalb auch rein gar nichts dagegen tun konnte. So ergab sie sich in ihr Schicksal. Ihr Selbstbild geriet immer weiter ins Wanken, sie fühlte sich schmutzig und wertlos. Sie magerte ab. Das Symptombild der Bulimie entwickelte sich und sie ekelte sich vor jeder Nahrung. Die junge Frau wollte sich unattraktiv für Rainer machen, damit er sie in Ruhe lies. Doch das gelang nicht. Erst als sie mit Ende der Schule reif genug war, die Sinnlosigkeit ihrer Situation einzuschätzen, lief sie von Zuhause weg. Erst nach Wochen und hunderte Kilometer weit weg, in Berlin, wurde sie von der Polizei aufgegriffen und ein Fall für das Jugendamt. Das führte ihr Leben wieder in ruhigere Bahnen. Sie kam in ein Heim für Jugendliche. Nach langen quälenden Interviews mit Ärzten, Beamten und Sozialarbeitern, wurde ihrer Mutter das Sorgerecht entzogen und Rainer vor Gericht gestellt. Das interessierte Lizzy aber alles nicht mehr. 

 

Eine Kerze zwischen den Sternen

Ihre Unterbringung im Luisenstift war nicht ideal, aber dort lernte sie Anna kennen. Anna arbeitete als freie Mitarbeiterin im Stift, war aber in ihrem richtigen Leben Musiktherapeutin. Lizzy fasste ohne erkennbaren Grund Vertrauen zu ihr. Ihr verdankte sie es, dass sie ihre Liebe zum "Cello" entdeckte. Dieses Instrument schien die tief in ihr versteckten Verletzungen, am Besten auszudrücken. Diese wunden Gefühle brachen in einer Art und Weise aus ihr hervor und setzten sich in den Klängen des Instrumentes so um, dass sie von der erfahrenen Musiktherapeutin sofort als Begabung eingestuft wurden. Anna ermöglichte ihr auch den Besuch der Musikschule Friedrichshain in Kreuzberg, wo sie Viola und Cello Unterricht nahm. Mit Annas Unterstützung und nach Jahren mit vielen Gesprächen, gelangte sie so an die Musikhochschule Stuttgart, um sich dort noch weiter zu verbessern. Doch all das beendete nicht die gegen sich gerichtete Zerstörung. Die Bulimie blieb in schwacher Form vorhanden, auch hin und wieder ritzte sie sich noch im Geheimen und auch Anna wusste davon nichts. Und mit dem Erwachsen werden entwickelte Lisa auch einen Hang zu Drogen und natürlich zu ungezügeltem, wahllosen Sex. 

 

Heute sagt Lizzy: "Ich glaube es war für mich einfacher, mir selbst Gewalt anzutun, anstatt jemandem anderen. Es war mir nicht möglich Rainer zu zerstören, um mich selbst zu heilen. So schwieg ich eben weiter. Ich beschäftigte mich eingehend mit Vergewaltigungsgeschichten, jedoch habe ich über meine eigenen Erlebnisse nie viel erzählt. Das war meins und ging niemanden etwas an. Ja, so verquer habe ich damals gedacht. Oft werden die Täter als Monster hingestellt, aber es viel einfacher, viel alltäglicher: Wer schon als Kind Tiere zum Spaß quält, der wird später vielleicht zu Jemandem, der statt Tiere, Kinder quält. Die Vergewaltigung ist dabei leider nur das Mittel zum Zweck. Missbrauchsopfern wird das aber nicht gesagt! Sie werden damit allein gelassen und übernehmen in dem Trauma die Emotionen des Täters: Hass, Gewalt und Machtgier. Dadurch glauben die Opfer später, dass sie nur dazu da sind, benutzt zu werden."

 

Lisa fand in der ganzen Tragödie natürlich ihren Weg durchs Leben. Doch sie war nicht in der Lage dauerhafte Beziehungen einzugehen. Zum einen war das der Lebensweise einer Orchester Cellistin geschuldet, die oft reisen musste, zum größeren Teil aber auch, weil in jeder intimen Begegnung mit einem Mann auch Rainer dabei war. Lisas Leben erschien nach außen ganz in Ordnung. Doch immer wieder brach die bizarre dunkle Kälte in ihr durch und ruinierte die Beziehungen. Ohne Vorwarnung verfiel sie dann in Stimmungen, in denen sie nur noch sterben wollte. Diese Stimmungen zu verstecken kostete schließlich so viel Energie, dass sie Angst vor dem Irrsinn entwickelte. Jahrelang unterdrückte sie diese Angst, verrückt zu sein und die Scham davor, dass es doch alle bereits wussten, während sie allein zu einfältig war, es zu verstehen. Sie empfand sich als der letzte Dreck, der unter dem Himmel herumlief. Mitten in einer Aufführung von Mozarts Figaro in der Stuttgarter Staatsoper, erlitt Lisa schließlich einen totalen Nervenzusammenbruch und wurde in das Klinikum Schloss Winnenden, bei Stuttgart eingeliefert.

 

Plötzlich fühlst du dich so düster und kalt, dass du nur noch sterben willst.

Nach dem Klinikaufenthalt wurde sie schwanger. Sie konnte nicht mit Sicherheit sagen, wer der Vater des Kindes war, denn es waren zu viele Bekanntschaften, die sie in ihr Bett geführt hatte. Doch damit kam Lizzy klar. Es war da nur dieses neue, unbestimmte Gefühl, dass sie nicht sauber genug für das Kind ihr war. Oft dachte sie über eine Abtreibung nach, doch die Zeit für einen legalen Abbruch war längst überschritten. Dann kamen die Ängste, dass sie ihrem Kind Gewalt antun könnte, weil sie sich nicht unter Kontrolle hatte. Einzig das Cello-Spiel brachte sie immer wieder zur Ruhe, beruhigte ihre Gedanken und löste die verknoteten Gefühle auf.

Lisa war 28 Jahre alt, als Inge, ihre Tochter geboren wurde. Ihren eigenen Worten nach, war das auch der Beginn einer schweren Phase, in der sie ihre eigene Gewaltätigkeit meistern musste.

 

Sie sagt heute: "In dieser Zeit ist etwas geschehen, was ich nur als das Aufbäumen alter Verhaltensweisen aus meiner Familie bezeichnen kann. Jedes Einzelne dieser Verhalten musste ich erkennen und überwinden. Dabei stand mir niemand zur Seite, es gab einfach niemanden, den ich fragen konnte und ich wusste nie, ob es richtig oder falsch war, was ich tat. Oft war ich nahe daran kriminell zu werden. Es fällt mir schwer, es zuzugeben, selbst nach so langer Zeit und ich hoffe auch mit meiner erweiterten Erkenntnis: Ich hätte das Kind oft gerne entsorgt. Es hat mich festgebunden an meine Pflichten, mich durch seinen Eigenwillen und seine Bedürftigkeit eingeengt. Ich wäre oft vor Wut fast geplatzt. Gott sei Dank habe ich mit Inge über diese Episode in meinem Leben bereits sprechen können. Sie ist ja jetzt schon 18 Jahre alt und in der Lage das Gesamtbild zu erfassen."

 

Das Leben ist schön und hohl

Das Familienleben der beiden wurde von Lisas extremen Gefühlsschwankungen geprägt. Dazu kamen die häufigen Partnerwechsel, die Inge eine stabile Familiengrundlage entzogen. In den Hochphasen ihrer Mutter ging es in dem kleinen Haus am Stuttgarter Stadtrand laut und hoch her. Da wurden ausgelassene und oft nicht jugendfreie Parties gefeiert und öfter klingelte es und ein Polizeibeamter bat darum, doch die Musik leiser zu stellen, damit die Nachbarschaft weiter schlafen könne. Dann kannte Inge auch die anderen Phasen, in denen sich Lizzy mit einer Flasche Sekt oder stärkerem ins Bett oder den Garten zurückzog und über Stunden nicht ansprechbar war. Sie starrte dann abwesend vor sich hin und reagierte nur, wenn man sie anfasste. Dann zuckte sie vor Schreck zusammen, drückte die Hände in ihren Schoss und brabbelte von dunklen Kristallen, die sich in ihr Herz bohren.

Lisa schickte Inge mit elf Jahren auf ein Internat in die Schweiz, um ihr ein freies Leben zu ermöglichen. Sie verdiente im Orchester mittlerweile als Solo Cellistin genug, um das für ihr Kind zu tun. Doch in ihrem eigenen Leben ging es weiter bergab. Ihre schnelllebigen Bekanntschaften verloren an Qualität, ihre Beziehungen wurden wieder rauer. Lisa genoss das in gewisser Weise und sehnte sich die Zeit des New-Gothic Lebens zurück. Sie fand Spaß daran, von anderen dominiert zu werden und gelangte schließlich auf diesem Weg in die Stuttgarter SM Szene. Selbstverständlich ermöglichte ihre finanzielle Situation auch wieder den Drogenkonsum, ohne aufzufallen. Allmählich und von ihr selbst unbemerkt, rutschte sie in das gesellschaftliche Abseits, aus dem die Reichen und Schönen dieser Welt ihr Party-Spielzeug rekrutierten.   

 

Lisa sagt heute: "Ich habe lange Zeit geglaubt, dass das alles so sein muss. Ich glaubte ein Zeichen auf der Stirn zu tragen, dass alle einlud mich zu benutzen, zu demütigen und daran ihren Spaß zu haben. Und ja, es ist tatsächlich so, dass der Grund dafür, Opfer von Gewalt zu werden, darin liegt, dass man selbst schon einmal so ein Opfer war. Da hat man gelernt, sich im Nu von der Situation abzukapseln. Die Täter, die Vergewaltiger, Narzissten und Perversen, können das instinktiv erfühlen. Sie haben einen Draht zu dieser inneren Haltung, denn wir sind für sie die einfachen Opfer. Aber es ermutigt auch die "Normalen" zur Übergriffigkeit. Die tun dann etwas, was sie sich bei anderen niemals trauen würden. So hat ein Kollege aus einem Gastorchester einmal versucht, mich hinter dem Vorhang zu befummeln. Ich habe mich kaum dagegen wehren können. Nicht weil er stärker war oder Gewalt angewendet hätte, sondern weil ich erstarrte. Ich war unfähig mich zu bewegen, total abgekapselt."  

 

Dein Hirn brennt durch

Die Abläufe im Gehirn laufen bei einem Missbrauchs-Trauma ähnlich wie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung ab. Im Prinzip sind die neurologische Abläufe gestört. Durch die Erfahrung, die mit dem eigenen Weltbild nicht vereinbart werden kann, sackt das Bewusstsein ab und die Betroffene ist dann nicht mehr anwesend. Sie kapselt sich vor der Störung ab. Später kann sie sich nicht mehr klar an das Geschehene erinnern. Solche Menschen haben das Gefühl von sehr hoch oben oder weit weg zuzuschauen. Doch die Wahrnehmung wird komplett aufgezeichnet und dann mit einer Mattglas-scheibe abgedeckt. Die Erinnerung an das Schreckliche wird dadurch aufgeweicht und ein Vergessen erfolgt leichter. Aber die Angst, die extremen Gefühle, bleiben eingekapselt in den Tiefen des Bewusstseins erhalten und entwickeln erst im Laufe der Zeit ihre Macht. Diese Zeitbomben können immer wieder an der Bewusstseinsoberfläche auftauchen, eben weil noch alles unverarbeitet da ist. Es ist nur eine Frage des Reizes, ob und wann eine verdrängte Erfahrung ins Bewusstsein platzt.  

 

Lisa heute: "Ich habe in meinen klaren Augenblicken alles mögliche ausprobiert. Von der Familienaufstellung über Gesprächs-, System- und Gestalttherapie bis hin zu Yoga und Qi-Gong, Tantra usw. Doch nichts davon hat mir etwas gebracht. Das lag, mit Anerkenntnis der Bemühungen meiner jeweiligen Therapeutinnen, zum Teil auch daran, dass ich immer sehr schnell abgebrochen habe. Ich bin und war kein geduldiger Mensch. Meine Emotionen hüpften und so hüpfte mein Leben und eben auch meine Motivationen. Es dauerte fast 20 Jahre, bis ich anfing zu begreifen, dass das, was mit mir in meiner Familie passiert war, nicht meine Schuld und nicht mein Fehler war.  Doch ich musste tatsächlich noch ein weiteres Mal zusammenbrechen, um den Mut zu finden, etwas wirklich Wirksames für mich zu tun. Paradoxerweise haben mich die Drogen dahin gebracht. Eines Nachts, auf dem Rückweg von einer dieser Parties, brach ich zusammen und wachte in erst in einer Klinik mit vergitterten Fenster wieder auf. Diese dicken Gitterstäbe vor den Fenstern erschreckten mich so sehr, dass ich mich auf die Empfehlung einer stationären hypnotischen Heilbehandlung einließ. Erst in dieser Heilhypnose erkannte ich, dass ich einer Serien-Vergewaltigung ausgeliefert gewesen war. Da erst fiel bei mir der Groschen. 

Diese Erkenntnis mag banal klingen, wenn man von außen auf mein geschildertes Leben schaut, aber für meine innere  Lizzy, war das eine so gravierende Erkenntnis, dass ich erst einmal tagelang weinte. Ich heulte mir den ganzen Frust, Schmerz, Wut, Hass und Ekel aus dem Körper, bis keine Tränen mehr fließen wollten. Dann war es in mir trocken wie in der Sahara. Heiß und trocken und hell. Das ganze dunkle Eis war geschmolzen und eine Art innerer Sonne strahlte. Die war heiß und unversöhnlich, aber sehr, sehr hell. Seit diesem Erlebnis  habe ich angefangen zu leben. Mir kommt es so vor, als ob ich aus der dunklen Nacht meines Lebens in den Tag getreten bin. Ich entdecke die Frau in mir, die ich bin und nicht die, die durch meine Erfahrungen verformt wurde. Ich habe aufgehört um mein Leben zu kämpfen. Ich spüre einen ruhigen Fluss heller Ruhe in mir."

 

Lisa M. stammt aus dem typisch deutschen Bürgertum. In diesem Milieu wird das Thema Missbrauch einfach totgeschwiegen. So durchziehen die unterdrückten Ängste und Verhaltensmuster auch die neu entstehenden Familien der missbrauchten Kinder. Es ist ein selbsterhaltendes System, das solange fortwährt, bis die beteiligten Menschen aufhören zu schweigen und die Finger in die Wunden legen, damit der Missbrauch an den Tag kommt. 

Das wird den Opfern des Missbrauchs nicht ersparen sich wie der letzte Dreck zu fühlen, der womöglich auch noch Mitschuld am Geschehen hat. Es wird ihnen auch nicht die jahrelange Heilarbeit ersparen, die für die Verarbeitung solcher Erfahrungen notwendig ist. Es wird ihnen aber das Gefühl geben, dass ihre Erfahrungen nicht einfach von allen Menschen in ihrem Umfeld ignoriert werden und sie Hilfe zu Recht erwarten dürfen. Sie müssen dann auch nicht mehr alles dafür geben, dass ihr Umfeld nicht merkt, wie kaputt sie innen drin sind. 

Egal mit welcher Therapie man aber auch versucht den Opfern zu helfen, sie sind durch den Missbrauch für ihr Leben gezeichnet, auch wenn die verbleibenden Symptome unwirksam werden.  

 

Lizzy heute: "Alles hat zwei Seiten. Auch wenn mein Weg schwer war, oft einsam und viele Rückschläge hatte, habe ich es am Ende geschafft. Ich hatte Glück, dass ich mit den Regeln brach und völlig unbewusst als Mädchen von Zuhause weg lief. Ich hatte Glück von der Polizei aufgesammelt zu werden und ich hatte Glück mit Anna (die Musiktherapeutin). Anna war wohl mein Schutzengel, auch wenn ich voller Wut und Trotz war, hat sie mich zur Musik geführt. Ich glaube, das war meine tatsächliche Rettung, denn in der Musik verschwinden alle hellen und alle düsteren Gedanken und ich bin einfach nur das Cello. Ohne die Vergewaltigungen hätte ich mich sicher nicht der Musik verschrieben. Ich wäre wahrscheinlich Architekten-Gehilfin oder technische Zeichnerin geworden, denn gezeichnet habe ich schon immer. Wahrscheinlich gab mir die Erfahrung auch die Kraft meines musikalischen Ausdrucks, den ja Viele als meine Begabung sehen."

 

Diese Geschichte ist kein Einzelfall. In einzelnen Details weichen ähnliche Lebensgeschichten sicherlich voneinander ab. Ich habe, zusammen mit Lizzy versucht, eine Geschichte aus der Tragik ihres Lebens zu machen, ohne dabei eine Horrorstory entstehen zu lassen. Das Grausame bleibt hinter der Mattglas-Scheibe verborgen, die sich dem Leser überall dort entgegenstellt, wo er seine eigene Fantasie zur Ausmalung verwenden sollte. Frei nach dem Motto: Was wäre, wenn das mir passiert wäre? Das gleiche gilt für die Wahrung Lisas Privatsphäre: Namen, Orte und Situationen sind so verändert worden, dass Rückschlüsse auf tatsächliche Gegebenheiten unmöglich sind.

 

Das Ausmaß des Missbrauchs in deutschen Familien ist immens. Die Zahlen sprechen ihre eigene Sprache. Ein Umstand der alle verstummen lassen sollte, die mit dem Finger auf Andere zeigen.

 

Hier die Links zu weiteren Recherche-Zahlen:

www.beauftragter-missbrauch.de

www.aufarbeitungskommission.de

 

Fasse Mut! Schweige nicht länger!

(c) Hans Rosegger 6/2019