Der Clown

Überarbeitet 6/2018,  aus dem Booklet  Joans Welt von 2004

Der Wald hob sich dunkel von der lichtdurchfluteten Wiese ab. Ich empfand die frische klare Luft als sehr wohltuend, als ich die ersten Schritte zwischen den Bäumen tat. Ich stand  im Dämmerlicht des Waldes und sah in einiger Entfernung einen hellen Fleck. Es  war wohl eine Lichtung. Aus ihrer Richtung hörte ich das Plätschern einer Quelle. Es war nicht weit zu gehen. Ich ging los und erreichte die Lichtung an einer Stelle, an der ein Haufen mannshoher Steine die Sicht auf die andere Seite verstellte. Zwischen den Steinen sprudelte frisches klares Wasser aus dem Boden und bildete ein kleines Rinnsal, das sich schlängelnd zwischen den Bäumen verlor. Ich trank etwas davon und suchte nach einer Möglichkeit den Haufen zu erklettern. Von dort oben würde ich eine gute Übersicht über die ganze Lichtung haben. Nach einigem Suchen fand ich einen vom Wetter geschlagenen Weg und folgte ihm auf den Steinhaufen. Als ich oben ankam, erschrak ich, denn dort saß jemand. Er hatte mir den Rücken zugekehrt und war offensichtlich in den Anblick der Lichtung vertieft. Ich räusperte mich:« Guten Tag, Entschuldigen Sie bitte die Störung. Können Sie mir sagen wo ich hier bin?«

Der Andere sprang wie elektrisiert auf die Beine und drehte sich blitzschnell um. Zwei kleine dunkel funkelnde Augen starrten mich ungläubig an. Es war ein Clown. Der verzog sein Gesicht zu einer unglaublichen Grimasse als er mich sah und begann scheppernd zu lachen. »Da habt ihr nun Jahrhunderte damit zugebracht, herauszufinden, aus welchem Stoff der Kosmos gemacht ist. Ihr habt mit euren Analysen Moleküle und Atome gefunden. Ja, ihr habt sogar Teile gefunden, aus denen die Atome gemacht sind und Teile, aus denen die Teile der Teile gemacht sind, und?« Der Clown tanzte vor Lachen von einem Bein auf das andere , »Ihr habt neuerlich sogar herausgefunden, dass Atome keine kleinen Stücke von dem sind, was ihr Materie nennt. Sondern es sind energetische Muster, aufgewickelte Schwingungen, die darüber hinaus auch noch gleichzeitig als Wellen da sein können.« Der Clown rang heftig nach Atem, bevor eine erneute Lachsalve in ihm emporstieg. »Ihr habt so lange geforscht, bis ihr gemerkt habt, dass all eure Forschungsergebnisse ohne euch selbst als Beobachter überhaupt nichts sind. Ja ihr habt sogar herausgefunden, dass offensichtlich gar kein objektives Universum besteht, sondern alle Dinge nur deswegen da sind, weil ihr da seid«

Der Clown ließ sich wieder auf den Platz plumpsen, auf dem er vorher gesessen hatte. Er hielt sich den Bauch und rang eindeutig nach Luft. Sein Lachen bebte noch immer schwach durch seinen Körper-.  »Und jetzt kommst Du her und fragst mich wo Du bist? Ich halt‘s nicht aus. Ich muss mich noch totlachen, wenn ich Dich nur ansehe« Wieder begann er hemmungslos zu lachen und strampelte dabei wild mit den Beinen, bis er hinterrücks zu Boden fiel.

Mir wurde die Situation zusehends unheimlicher, peinlicher und irgendwie schien das den Clown noch mehr zu belustigen. Er kugelte vor mir auf dem Boden herum, von einem heftigen Lachanfall in den nächsten gehetzt. Dicke Tränen rannen über sein zerfurchtes Gesicht. Ich konnte das nicht mehr mit ansehen und mein eigener Schreck trieb mich ein Stück weit zurück, die getürmten Steine hinab.  Ich hatte ihn doch nur gefragt wo ich sei, denn ich wusste es wirklich nicht. Was war daran falsch? Der tat ja so, als ob meine Frage ein geradezu kosmischer Witz sei. Aber vielleicht war er ja auch verrückt. Ein Verrückter! Das war des Rätsels Lösung. Der Erste, den ich hier traf,  war ein Verrückter. Der Gedanke faszinierte und beunruhigte mich doch zutiefst. Erst jetzt wurde ich mir der merkwürdigen Aufmachung des Anderen bewusst. Es beunruhigte mich wieder ein Stück mehr, denn ich hatte keine Ahnung, wo ich hier war. Das Letzte, an was ich mich erinnern konnte, war der grelle Blitz, als ich auf den Knopf drückte, der den Fusionsreaktor aktivierte. Auf irgendeine mysteriöse Art bin ich dann hierher gekommen. Nach dem Blitz hatte ich die Steuerzentrale des Reaktorkomplexes verlassen und bin einfach die Wiese entlang gelaufen. Das hatte ich schon oft getan. In den Pausen oder wenn mir der Kopf von der Arbeit am Laser rauchte. Doch diesmal war da keine Steuerzentrale mehr.  Auch kein Reaktor. Nur Wiese. Nur Wald. Und offensichtlich dieser verrückte Clown auf dem Steinhaufen. Darüber war ich ziemlich verwirrt. Ich kletterte wieder die Steine herunter und lief die paar Schritte zurück zum Waldrand. Dort lag ein umgestürzter Baum. Ich setzte mich erschöpft nieder, stützte mein Gesicht in die Hände und starrte die Wiese an. Sie erstreckte sich bis an den Horizont und ging dort im Dunst, in den hellblauen Himmel über. Die Wiese war von einem intensivem Grün, unterbrochen von unendlich vielen bunten Punkten. Der Wind trug den feinen Duft der Millionen Blüten zu mir herüber und ich lauschte einen Augenblick dem dauernden Summen der Bienen. In meiner Phantasie erhob sich aus der Wiese, erst schemenhaft, dann immer klarer, die Silhouette des physikalischen Instituts für Fusionsforschung. Ich sah die hektische Aktivität rund um den Pilotreaktor. Heute war ein großer Tag. Heute wurde der Pilotreaktor zum ersten Mal aktiviert. Forscher und Techniker rannten im Zentrallabor aufgeregt durcheinander, sodass es mich an einen Ameisenhaufen im Sommer erinnerte. Ich sah mich selbst in der Steuerzentrale den gigantischen Laser überprüfen, der in der Fusionskammer Hitze erzeugen sollte, wie sie in der Sonne herrschte. Zur Energieversorgung dieses Giganten war extra ein transportabler Kernreaktor im Hof aufgebaut worden. Ich erinnerte mich noch an die Karawane der vielen Schwerlasttransporter, die vor einigen Monaten die kleinen Straßen hier verstopften. Die Idee war, im Fusionsreaktor Bedingungen zu erzeugen, wie sie unseres Wissens nach in der Sonne herrschten. Durch die unermessliche Hitze sollten dann Wasserstoffatomkerne zusammenschmelzen und die dabei frei werdende Energie, diesen Prozess bis in alle Ewigkeit aufrechterhalten.  Zusätzlich sollte noch Energie abfallen, die in elektrischem Strom umgewandelt werden konnte. Das Problem bestand darin, die Anfangshitze zu erzeugen, die benötigt wurde, um diesen Prozess in Gang zu bringen. Deshalb hatten wir den Laser. Ein, bis an die Grenze des uns Möglichen, gebündelter, hochenergetischer Lichtstrahl würde in der Mitte der Fusionskammer auf eine Perle aus Wasserstoff  treffen. Durch die plasmatische Reaktion sollte sich diese Perle auf die Größe von ein paar wenigen Atomdurchmessern verdichten. Dabei würde so viel Hitze freigesetzt werden, dass der Fusionsprozess ins Laufen kam.

So war die Idee gewesen. So einfach sie auch war, so komplizierte physikalische Gesetze lagen dem Ganzen zugrunde. Und je mehr wir forschten, desto undurchsichtiger und verworrener wurden die Probleme. Letztlich hatte es geheißen, dass wir nicht in der Lage wären, alle möglichen Auswirkungen unseres Experiment mit Sicherheit vorauszusagen. Daher hatten wir beschlossen, uns auf Wahrscheinlichkeitsrechnungen zu stützen. Diese gaben uns dann eine gewisse Sicherheit, zumindest die erwarteten Ergebnisse vorherzusagen. Natürlich haben wir gewusst, dass es keinen Computer auf dieser Welt gab, der alle möglichen Wahrscheinlichkeiten berechnen konnte. Das war der Grund, warum wir bestimmte mögliche Ereignisse außer Acht lassen mussten, wenn ihr Eintreten eine gewisse Wahrscheinlichkeit verlor. Mir war nie wohl dabei gewesen. Immer wenn ich darüber nachgedacht hatte, verspürte ich ein seltsames Gefühl in der Magengegend. Doch ich konnte mich immer wieder in das Vertrauen retten, dass ich der von uns erreichten Technik, mit all ihrer sicheren Vorhersehbarkeit entgegenbrachte. Doch jetzt schien es mir ganz sicher, war etwas Unvorhergesehenes eingetreten. Etwas, was allen Wahrscheinlichkeiten trotzte.

Ein seltsam würziger Geruch nötigte mich, meine Retrospektive zu unterbrechen. Ich öffnete die Augen und wurde wieder überrascht. In einiger Entfernung von mir brannte ein kleines Feuer, über dem an einem eisernen Gestell ein Topf hing. Von dort aus drang dieser würzige Geruch zu mir. Die Sonne war mittlerweile untergegangen und hatte den Himmel für das Blinken der Sterne  freigegeben. Die Flammen warfen ihr Licht in den angrenzenden Wald, sodass die Schatten in den Bäumen und Büschen zu tanzen schienen. Wie lange hatte ich hier gesessen? Es müssen Stunden gewesen sein, oder doch nur Minuten? Ich wusste es nicht mehr zu sagen. Ein altbekanntes unmissverständliches Gefühl machte sich beim Anblick des Topfes in meinem Bauch bemerkbar. Ich stand auf und ging  zum Feuer hinüber.

»Ich dachte schon Du wolltest die ganze Zeit da sitzen bleiben«, erschreckte mich eine Stimme aus dem Dunkel. «Es tut mir leid, dass ich mich vorhin so schlecht benommen habe, aber immer wenn ich mich heftig erschrecke, dann raste ich eben aus!« Zwischen zwei Steinen auf einem Brett saß der Clown. Auf dem Kopf trug er seine gelb und rot gespitzte Zipfelmütze mit dem Glöckchen. Sein grüner Anzug mit den großen blauen Knöpfen war etwas zerschlissen und notdürftig geflickt. Mit seinen dunklen, lebhaften Augen musterte er mich. Sein kleines braunes Gesicht sprühte voller Leben. »Jetzt schau mich nicht so verwirrt an. Ich habe Bohnen gekocht. Bohnen mit Speck. Willst Du welche?«, fragte er. Ich war völlig verunsichert. An irgendetwas erinnerte er mich, etwas, das lang, lang zurücklag. Doch die Erinnerung im Wasser der Zeit war diffus, unklar und verschwommen.

»Du scheinst Dich erinnern zu wollen,« stellte er fest,« lass Dir Zeit damit und iss erst etwas von meinen tollen Bohnen. Ich kann gut kochen, weißt Du.« Er schaufelte zwei Kellen voller dampfender Bohnen auf einen Blechteller reichte ihn mir. Ich musste mich bücken, um den Teller anzunehmen, denn der Clown war nicht groß. Vielleicht sechzig oder siebzig Zentimeter hoch. Jetzt wo er saß, war es nur die Hälfte. Er reichte mir mit einem breiten Grinsen und einem ermutigendem Augenzwinkern einen Löffel und ich setzte mich ihm gegenüber ins Gras. Der Duft des Essens stieg immer eindringlicher in meine Nase und mein Magen war der Rebellion nahe. Es half nicht. Ich musste erst essen. Dieser Essensdrang blockierte alles andere. Ich probierte das Gereichte und es schmeckte wunderbar. Als ich den ganzen Teller leer gegessen hatte, fühlte ich eine angenehme Ruhe in mir aufsteigen. Mein Magen arbeitete und zog Energie aus meinem Kopf ab, sodass meine Gedanken langsamer zu werden schienen. Ich lehnte mich ebenfalls an einen Stein und sah zu dem Clown hinüber. Er erschien mir jetzt puppenhaft, obwohl er sich höchst lebendig und flink über eine zweite Portion Bohnen hermachte. Er grummelte etwas zwischen zwei Bissen und wies auf den Topf. Ich ahnte was er wollte und schüttelte den Kopf, ich hatte genug gegessen. Ich hatte noch den Geschmack des letzten Stücks Speck auf der Zunge, als mich die Erinnerung einholte: Ich sah mich im Vorratskeller unseres alten Hause auf dem Tisch sitzen und mit dem scharfen Messer vom Räucherspeck einige Bissen absäbeln. Ich war etwa vier oder fünf Jahre alt und auf einem meiner täglichen Abenteuer-Raubzüge durchs Haus. Mit vollem Mund, den Speck kauend kletterte ich vom Tisch und versuchte, die großen Schubladen der alten Kommode zu öffnen. Doch es gelang mir nur, die Unterste einen Spalt breit aufzuziehen, sodass mein kleiner Arm gerade hindurchpasste. Ich angelte in der dunklen Schublade herum und zog etwas Langes, Weiches heraus. Es war ganz staubig und schien eine alte Stoffpuppe zu sein. Im Dämmerlicht des Kellers, war es nicht genau zu erkennen. Mir schien es ein ungemein wertvoller Fund zu sein, und stürmte damit die Treppe hinauf nach oben zum Licht. Draußen im Garten bestaunte ich meinen Fund. Es war eine Puppe, die dem Clown aufs Haar glich. Sie trug eine rot-gelb gespitzte Zipfelmütze mit einem Glöckchen, einen grünen Anzug mit großen blauen Knöpfen und ihr dunkelbraunes Gesicht war geschminkt wie ein Zirkusclown. Mit einer eilends von der Wäscheleine stibitzten, nassen weißen Unterhose habe ich dann sein staubiges Gesicht und seine Kleider geputzt. Das Geschrei war groß, als meine Mutter mein Treiben sah und ich rannte so schnell ich konnte vor ihr in den Garten davon. Die Puppe und die nasse Unterhose fest an mich gepresst. Doch sie holte mich wie immer ein und schalt mich. Als sie sah, dass ich im Keller gewesen war, musste ich mitkommen und sie steckte mich ins Bett. Nur die Puppe durfte ich behalten, nachdem sie von ihr gründlich saubergemacht worden war. Ich weiß noch, wie wir eng umschlungen einschliefen.

»Siehst Du, jetzt brauchst Du mich nicht mehr zu fragen, wer ich bin,« tönte es freundlich aus dem Dunkel, «Wir kennen uns schon so lange. Nur Du hast es vorgezogen mich irgendwann zu vergessen.« Irgendetwas in mir weigerte sich, zu glauben, was ich erlebte. Ja, ich hatte als Kind eine Puppe, die diesem Clown hier glich, nur war jene geschminkt, dieser nicht. Außerdem war der hier quicklebendig. Das konnte einfach nicht sein.

»Magst Du etwas gegen den Durst?«, fragte mich mein kleines Gegenüber . »Ja, gern«, antwortete ich. Ich hätte wirklich gern ein Bier gehabt, doch ich kam nicht dazu, es auszusprechen. Ich sah fasziniert zu, wie der Clown seine Hände zusammenlegte und vorsichtig hinein blies. Dann machte er eine Geste, als ob er etwas am Boden ablegen würde. Als er seine Hände wieder zurücknahm, standen vor ihm ein Glas Bier und ein Glas weißer Wein. »Das Bier ist für dich«, flötete er grinsend und fügte hinzu, »wie bestellt!«  Nahm seinen Wein und nippte daran. »Herrlich so ein Wein, Chateuneuf du Pape 1975, Herstellerabfüllung«, er schien meinen verblüfften Zustand noch etwas steigern zu wollen.

:-)