Die Geburt

Überarbeitet 6/2018,  aus dem Booklet  Joans Welt von 2004

Lehrer und Schüler saßen einander gegenüber. Die weißen Papierwände des Hauses waren zurückgeschoben und gaben den Blick auf den alten Garten frei. Im Kohlebecken zwischen den beiden reglos Dasitzenden glühte die Kohle und gab eine spärliche Wärme ab. Jetzt im Oktober war es hier in den Bergen bereits empfindlich kühl, doch die Luft war so kristallklar und frisch, wie sonst nie. Der zarte Duft eines Räucherwerks durchzog den Raum, das Glockenspiel an der Dachtraufe sandte seine Klänge hauchzart an das Ohr. Ein leichter Regen hatte den alten Garten aufglänzen lassen, als wenn jeder Halm, jedes Blatt mit Lack überzogen wäre. Die letzten vereinzelten Tropfen malten große Ringe auf das dunkle Wasser im Teich. Am Himmel, weit hinter der Gartenmauer, stachen schon wieder die ersten Strahlen der Herbstsonne durch die Wolken und brachen das getürmte Grau auseinander. Der Lehrer, ein Mann undefinierbaren Alters, mit glatt poliertem Schädel und leicht asiatischen Gesichtszügen, griff nach einer kleinen Schaufel, die neben dem Kohlebecken lag. Er stocherte geschickt in der Glut, sodass eine Welle angenehmer Wärme aufstieg. Während er die Schaufel langsam wieder am ihrem Platz ablegte, begann er zu sprechen:

»So, Du willst es also wirklich tun. Du willst es wahrhaftig wagen ein Mensch zu werden und auf die physische Ebene des Lebens eintreten? Hast Du Dir das auch genau überlegt?« »Ja, Meister!«, antwortete der Schüler,  ohne den winzigsten Augenblick des Zögerns. Er hatte seit dem Eintreten des Meisters schweigend da gesessen und darauf gewartet, von ihm angesprochen zu werden. Jetzt bewegte er sich ein wenig und die gesammelte Anspannung schien mit dem Rascheln seiner Kutte zu verklingen. Er trug die gleiche dunkle Kutte wie der Lehrer, nur seine wurde von einer einfachen Schnur zusammengehalten, während die des Meisters, geflochten und von feinen goldenen Fäden durchwirkt war. Die wenigen Worte des Lehrers schienen die letzten verspannten Kräfte aus dem Raum zu treiben und selbst die Kutten fielen weicher in ihre Falten wie zuvor. Der Blick seiner hellen klaren Augen ruhten ruhig auf dem Lehrer. Er spürte, wie die mentalen Kräfte seines Lehrers sich unendlich liebevoll in sein Gedankenfeld einwoben  und begannen, mit ihm zu schwingen. Er wusste nur zu gut, dass die Kraft zweier Wesen nötig war, um das Kraftfeld zu erzeugen, in dem der Durchschlupf zu seinem Ziel möglich wurde. Für Augenblicke flogen an seinem inneren Auge Erinnerungen an die Übungen der letzten Zeit vorbei. Bilder wechselten sich mit Gesprächsfetzen ab und zerrannen irgendwo weit weg. Er fühlte, wie er immer ruhiger wurde und  begann jetzt seinerseits sein Gedankenfeld in Schwingung zu versetzen, und sich damit auf die große Harmonie der Natur einzustimmen. In der vergangenen Zeit hatte er diese Übung schon oft in der Vorfreude auf diesen Augenblick gemacht. Schnell begannen helle Ströme von Glückseligkeit sein Wesen zu durchfließen und er gab sich ihnen von Augenblick zu Augenblick tiefer hin. Er wusste sich in der Obhut  seines Meisters gut aufgehoben. Von weit her vernahm er dessen Stimme: »Ich habe in deinem Wesen gelesen und bin sehr stolz auf Dich. Du hast Dich sehr gut vorbereitet und eine gute Wahl für Dein Leben getroffen. Ich wünsche Dir eine gute Reise!«.

Die Stimme verklang im Summen der Natur. Er fühlte sich hinabsinken und verdichtete sich in dem schwingenden Kraftfeld, das ihn umgab. Seine Gefühle klangen in seinen Ohren wie Glocken von fernen Windspielen. Sein Verstand versank tropfend in einem schwarzen Teich, große träge Kreise hinterlassend. Er fühlte sich tiefer sinken und die Klänge in seinen Ohren schwangen zu immer tieferen und lauteren Tönen hinab. Er fühlte sich eingeklemmt zwischen zwei schwarze unsichtbare Mühlsteine, die ihn langsam und unbarmherzig zermalmten, doch von ferne wusste er auch um die Anwesenheit seines Meisters, dessen feine Schwingungen in seinem Herzen pulsten. Dieser leise Herzschlag gab ihm Kraft und nahm die Angst. Unfähig, sich unter diesem zunehmenden Druck zu bewegen, konzentrierte er sich auf die Klänge, die sich aus dem tiefen Summen entwickelt hatten. Zarte Melodien hauchten in sein Bewusstsein hinein. Bekannte und unbekannte Lieder mischten sich zu Neuem. Lichte und schwere Musik fanden zueinander und trennten sich wieder. Eines umspann das andere in immerwährendem Tanz. Es sank hinunter und stieg wieder hinauf. Sein ganzes Wesen wurde davon erfüllt. Er fühlte, wie sich sein Wissen in feinste Strukturen einer unendlich fein ziselierter Musik umwandelte. Wie dieses Geflecht sich dann liebevoll anheftete und ihn umspielte und liebkoste. Er gewann dadurch an Schwere und sank immer schneller. Er musste  sich  zunehmend  genauer auf die einzelnen Musiken konzentrieren, um sie aus dem entstehenden Rauschen herauszufiltern. Dies ging so lange, bis es ihm beim besten Willen nicht mehr gelang, mit seiner Konzentration das Rauschen zu zerlegen. Erst war er enttäuscht darüber, doch dann bemerkte er, wie sich das Rauschen langsam in Licht transformierte. Ja, es wurde heller! Irgendwo am Rande seines Bewusstseins erschien ein lichter, goldgelber Streifen. Ein Horizont? Er konzentrierte sich auf das Licht. Zuerst war es nur ein diffuser ferner Streifen, doch bald färbte eine aufgehende Sonne den Himmel rot. Am Horizont waren die ersten Formen zu erkennen. Mit jedem Hinsehen bekam das Bild immer feinere Details. Da erschienen Berge und Meere, Wolken, Pflanzen und Tiere und Steine, so wie Wind und Feuer. Er erinnerte sich an Übungen, die er erst vor kurzem gelernt hatte. Es waren jene Übungen, mit denen er sein Wissen nach außen projizieren konnte. Aber dies hier war anders. Es erschien glänzender, leuchtender und lebendiger, als alles, was er bisher mit diesen Übungen erfahren hatte. Es war so echt wie der Raum des Meisters, in dem er saß. Er wurde sich plötzlich des unerträglichen Drucks bewusst, der auf ihm lastete und der ihm jetzt mehr und mehr zu schaffen machte. Er suchte den mentalen Kontakt zu seinem Lehrer, doch ohne Erfolg. Er bemerkte im Gegenteil wie alle Anstrengungen einen Kontakt herzustellen, nur verursachten, dass sich seine Arme und Beine in unkoordinierter Weise bewegten. Er stellte fest, dass er nicht mehr die Kontrolle über seinen Körper hatte. Dies erschreckte ihn zuerst, doch dann, in einem wahren Geistesblitz, erinnerte er sich an alles, an seinen Wunsch Mensch zu werden, an seine Übungen mit dem Meister und an seine letzte Begegnung mit ihm. Er begriff sofort, dass er sich auf der physischen Ebene des menschlichen Lebens inkarniert hatte und ihm fiel auch alles Wissen wieder ein, das er sich darüber angeeignet hatte. Sofort bemerkte er auch wieder die hellen Ströme der Glückseligkeit, die ihn durchflossen, doch diesmal zirkulierten sie in seinem neuen Körper. Er begann sich zu freuen und wieder drückte sich die Freude in ungelenken Bewegungen seines Körpers aus. Wie viele neue Erfahrungen würde er nun machen können? Wie viel Freude würde ihn erwarten. Voller Ungeduld setzte er sein Gedankenfeld in Schwingung und o Wunder, der auf ihm lastende Druck verwandelte sich in eine langsame Wellenbewegung. Die heranflutenden Wellen trugen und schaukelten ihn, sodass er in einen angenehmen Schlaf verfiel, hingegeben an die neue Welt, die ihn umgab. Er träumte einen langen Traum. Er sah den Meister eine Kerze entzünden und in das Fenster zum großen Garten stellen. Dann sah er eine wunderschöne Frau, die ihn liebkoste und einen starken Mann, der mit ihm im Garten tollte. Viele weitere Gesichter lernte er in diesem Traum kennen und alle hießen ihn willkommen.

Es war fünf Uhr morgens, als eine junge Frau ihren Mann weckte und ihm sagte, dass die Wehen eingesetzt hätten. Sie hatte eine angenehme Schwangerschaft gehabt, ohne große Beschwerden.

Doch jetzt fühlte sie es deutlich, es war an der Zeit.  

Als der Meister sah, dass sein Schüler schon sehr weit in die neue Lebensebene eingedrungen war und kurz vor dem Einsprung in seine neue Existenz stand, holte er aus einer kleinen Truhe eine große Kerze. Er hielt sie vorsichtig in seinen Händen und setzte sich wieder zu dem kleinen Kohleofen in der Mitte des Zimmers. Er ordnete seine Kutte und vertiefte sich zum Gebet. Die Sonnenstrahlen zerfurchten noch immer die getürmten Regenwolken am Himmel, doch der dunkle Teich lag still und glänzend da. Der ganze Garten atmete neues Leben. Die Luft war frisch und kristallklar. Einzelne Vögel wagten sich aus ihren Verstecken und hüpften auf den nassen Steinen. Der Tag wandte sich dem Abend zu. Der Meister öffnete eine schmale Schachtel, die rechts neben dem kleinen Kohlefeuer gestanden hatte, und holte ein dünnes Stück Holz hervor. An der verbliebenen Glut entzündete er es. Eine Weile betrachtete er das helle Flämmchen, als ob er noch auf etwas warten würde, dann plötzlich, mit einer schnellen Bewegung, hielt er den Holzspan an die Kerze. Das tanzende Flämmchen sprang auf den Docht der Kerze und wuchs zu einer ruhigen und hellen Flamme. In wenigen Augenblicken würde das Feuer die im Wachs der Kerze enthaltenen Düfte freisetzen und den Raum mit einem weiteren Ausdruck von Leben erfüllen.Der Meister griff in eine verborgene Tasche seiner Kutte und förderte eine Schnur zu Tage, die fein aus weißer Baumwolle geflochten und mit goldenen Fäden durchwirkt war. Er legte sie auf dem schwarz glänzenden Boden neben der Kerze ab. Der Meister erhob sich und verließ mit einer tiefen Verneigung den leeren Raum. Hinter sich schloss er die papierenen Türen. Nur die Klänge des alten Gartens drangen noch durch die Türen in den Raum mit dem diffusen, dämmrigen Licht. »Morgen früh werde ich wiederkommen müssen, damit er keine abgebrannte Kerze in seinem Haus vorfindet, wenn er von seiner Reise zurückkehrt.«  dachte der Meister . Ein zufriedenes, ganz feines Lächeln spielte um seinen Mund, als er die nass glänzende Straße zu seinem Haus hinunterging.