Gabi

oder »Freundschaft ist das größte Geschenk, was sich zwei Menschen machen können«

Gabi ist eine südländisch wirkende, attraktive Frau Mitte fünfzig. Was die Liebe anbetrifft, betrachtet sie sich als einen ausgesprochenen Pechvogel. Alle Beziehungen, die sie bisher erlebte, waren von drei Gemeinsamkeiten geprägt:

Die Erste war, dass fast alle Männer, mit denen sie in Kontakt kam, sich von Anfang an übermäßig darum bemühten, ihr gegenüber Niveau, Interesse und Einfallsreichtum zu demonstrieren. Gabi sah das als normal an. Sie war davon überzeugt, dass eine Frau nichts wert wäre, wenn ein Mann sich nicht ordentlich um sie bemühen müsste. Sie erfand deshalb eine Reihe von Hürden, die sie für sich selbst Bewährungsproben nannte. Gabi fiel auf, dass Ihr Interesse und ihr Respekt gerade den Männern gegenüber verschwand, die sich besonders bemühten, die von ihr gesetzten Hürden zu überspringen. Die zweite Gemeinsamkeit in ihren Beziehungen war, dass sie vor allem Männer interessant fand, denen es anscheinend egal war, ob eine Beziehung entstand oder nicht. Gabi empfand das als souverän und deutete es als Zeichen für einen emotional stabilen und gereiften Mann.

Die dritte Gemeinsamkeit war, dass alle Beziehungen, auf die sie sich näher einließ, denselben dramatischen Verlauf hatten. Ihre Partner versuchten im Laufe der Zeit, immer mehr Kontrolle über ihr Leben zu gewinnen. Je länger dies dauerte, desto mehr musste Gabi den Druck ihrer Partner von sich abwehren. Sie machte sich rar, hielt Treffen kürzer und isolierte sich immer mehr. Unglücklicherweise baute daraufhin jeder Partner noch mehr Druck auf. Bis die ganze Beziehung plötzlich ins Gegenteil umschlug. Der zuvor souverän und gereift wirkende Mann war keineswegs mehr souverän und emotional stabil. Es gab Streit und Auseinandersetzungen. Irgendwann wurde es dann so unerträglich, dass nur noch Trennung blieb. Aber für Gabi war keine Trennung endgültig ein Ende. Es war für sie nur eine Atempause zwischen den Runden eines dramatischen Wechselspiels, von verlassen und neu anfangen. Wenn Gabi ehrlich zu sich war, hatte sie keine Ahnung, was in ihrem Beziehungsleben wirklich geschah. Sie schob einen großen Teil der Probleme, dem seltsamen Verhalten der Männer zu. Die vielen Fehlversuche hatten Spuren in ihr hinterlassen und sie fühlte sich ausgelaugt und enttäuscht. Sie hatte keine Kraft mehr und trotz aller Hoffnung, die noch irgendwie da war, hatte sie immer auch Angst vor der nächsten Beziehung. 

Eines Tages lernte sie Bernd kennen. Sie fand ihn auf Anhieb interessant und beide verbrachten einen wundervollen Sommertag am See. Gabi fühlte sich an diesem Tag so frei und ausgelassen, wie lange nicht mehr. Bernd war ein sehr humorvoller und unbeschwerter Mann und an dem Tag war Gabi glücklich wie ein Kind. Am Abend brachte Bernd sie nach Hause und verabschiedete sich, ohne weitere Anstalten für ein neues Treffen zu machen. Das gefiel Gabi und sie tat, was sie immer tat: Sie wartete ab.

Zwei Tage später meldete sich Bernd mit einer Email, die die Andeutung eines Wunsches nach einem weiteren Treffen enthielt. Das war ihr viel zu schnell und sie spürte wieder Druck auf ihrem Herzen. Sie wartete eine Weile und schrieb dann auf zurückhaltende Weise zurück. So nahm der Kontakt seinen Lauf, wie Sie es gewohnt war. Sie hielt sich bedeckt und Bernd suchte immer häufiger den Kontakt mit ihr. Doch es blieb beim Austausch von Nachrichten. Nach zwei Wochen klingelte es abends an ihrer Tür. Es war Bernd. Gut gelaunt hielt er eine kleine Geschenkschachtel mit einer gelben Schleife in der Hand. Gabi war völlig überrascht und in ihr schoss nur ein einziger, panikartiger Gedanke hoch: Das gehört sich nicht! Wie werde ich ihn schnellstens los? Noch im Treppenhaus wies sie ihn zurück, indem sie ihm erklärte, sie müssen gleich zu einem wichtigen Treffen. Bernd stand mit seinem Geschenk unten an der Treppe und sie erkannte an seinem Gesicht, wie enttäuscht er war. Sie ging rasch die Stufen zu ihm hinunter, um ihm wenigstens das Geschenk abzunehmen. Bedankte sich hastig und verabschiedete sich schnell. Als sie anschließend in ihrer Wohnung vor der liebevoll dekorierten Schachtel saß, fühlte sie sich so schlecht, wie schon lange nicht mehr. Es war, als hätte sie soeben einen Alptraum erlebt, aus dem sie nun langsam aufwachte. Ihr Herz schmerzte und ein dicker Kloß steckte in ihrem Hals. Sie konnte kaum noch atmen. Bernd war doch ein wirklich netter und attraktiver Mann! Nach all den vergangenen unerfüllten Beziehungen wäre er vielleicht der Mann gewesen, den sie sich immer gewünscht hatte. Sie mochte ihn und hätte auch an diesem Abend für ihn Zeit gehabt. Ehrlich gesagt hatte sie sich sogar allein gefühlt und seine Anwesenheit wäre eine Bereicherung gewesen. Aber gleichzeitig war es, als würde eine Art fremder Macht alle Begegnungen auf die immer gleiche Art und Weise steuern. Gabi öffnete den kleinen blauschimmernden Karton, den Bernd mit bunten Schmetterlingen beklebt hatte. Darin lag eine Karte mit dem Bild zweier Möwen, die nahe beeinander am blauen Sommerhimmel flogen. Darunter der Satz: »Freundschaft ist das größte Geschenk, was sich zwei Menschen machen können«. Auf der Rückseite standen nur vier handgeschriebene Worte: Danke für den Tag! 

Unter der Karte, auf einem dunkelblauen Stück Samt, lag nur ein einfacher, aber wundervoll gestreifter Stein. Er wirkte wie nass und sie bemerkte, dass Bernd ihn mit klarem Lack überzogen hatte. Es war der Stein, der ihr an ihrem gemeinsamen Tag am Seeufer wegen seiner Schönheit aufgefallen war. Bernd hatte ihn ohne ihr Wissen aufgehoben und für sie mitgenommen. Gabis Augen füllten sich mit Tränen. Ihr Herz fühlte sich an, als ob es in zwei Hälften zerspringen wolle. Da war plötzlich so viel Traurigkeit darüber, dass sie in den entscheidenden Momenten immer wieder das Falsche tat, obwohl sie das Richtige eigentlich wusste. Und da war die unendliche Sehnsucht, sich endlich einmal einem Menschen wirklich anzuvertrauen. Sie schämte sich für ihr Verhalten. Trotzdem brachte sie es nicht fertig Bernd anzurufen und ihm das zu gestehen. Sie schickte ihm eine Email mit ihrem Dank und tat dann, was sie immer tat: Sie wartete ab.

Bernd, meldete sich nie wieder.